Novelle

Was verbindet die Werke „Im Krebsgang“ (2002), „Der Schimmelreiter“ (1888) und „Das Erdbeben in Chili“ (1807)? 

Die Antwort ist ganz einfach, sie sind alle Novellen. Da diese Werke sehr unterschiedlich sind, erweist es sich als ganz schwierig, die novellistische Gattung eindeutig zu definieren. Deshalb haben wir uns dafür entschieden, die individuellen Merkmale unserer Novellen bei der Analyse der einzelnen E-Books näher zu erläutern und an dieser Stelle als Einleitung die allgemeinen charakteristischen Merkmale der Novelle zu beschreiben.

Boccacios Novellensammlung „Decamerone" (1353), diezur Zeit der Renaissance in Italien verfasst worden ist, gilt als die Urform der Gattung. Bei einer Novelle (lat. novus – „neu“) handelt es sich um eine Erzählung mittlerer Länge in Prosaform. Sie pflegt normalerweise länger als eine Kurzgeschichte und kürzer als ein Roman zu sein.

Der Begriff der Novelle trägt die Bedeutung von etwas Neuem in sich, was sich im Inhalt wiederfinden und sich auch aus ihrem Namen ableiten lässt (aus dem Italienischen „Neuigkeit“). Nach Goethe beschreibt die Novelle eine "sich ereignete unerhörte Begebenheit" (Quelle), also keine alltägliche Situation, sondern ein ganz besonderes Ereignis. Die Handlungen einer Novelle sollen glaubhaft sein. Sie könnten auch in der Realität passieren.

Für eine Novelle sind die sogenannten Dingsymbole charakteristisch. Als Dingsymbol wird ein Gegenstand bezeichnet, der in der Novelle eine besondere symbolhafte Bedeutung besitzt. Hier sind einige Beispiele genannt: 

  • Die Kleidung / Kleider machen Leute,
  • der Zug / Bahnwärter Thiel, 
  • die Pferde / Michael Kohlhaas,
  • die Maske / Traumnovelle, 
  • Acker / Romeo und Julia auf dem Dorfe, oder 
  • die Buche / Die Judenbuche. 

In Anspielung an Boccaccios berühmte „Falkennovelle“, in welcher der Falke als Sinnträger erscheint, ist der Begriff „Falke“ in der Bedeutung des Dingsymbols bis heute immer wieder verwendet worden.

Nach Theodor Storm ist die Novelle „die Schwester des Dramas“ (Quelle). Die Erzählung zeichnet sich durch eine strenge und gestraffte Form aus. Sie ist klar strukturiert und weist häufig den klaren Aufbau eines klassischen Dramas auf. Sie besitzt einen Wendepunkt, sogar manchmal mehrere Wendepunkte, die sich durch die Handlung hindurchziehen. Sie ist durch eine geschlossene Form gekennzeichnet. Nebenhandlungen sind in ihr nicht zu finden.

Ein weiteres Merkmal der Novelle ist die beschränkte Anzahl der Protagonisten. Die Figuren ändern ihr Verhalten und ihre Einstellung im Laufe der Erzählung nicht grundlegend. Ihr Schicksal und ihr Charakter sind miteinander verknüpft.

Merkmale der Novelle

  • Mittlere Textlänge
  • „Die unerhörte Begebenheit“
  • Glaubwürdigkeit
  • Dingsymbol, Falke
  • Wenige Figuren, Beständigkeit der Charaktere
  • Wendepunkt und Nähe zum Drama, geschlossene Form

Unsere Novellen

Das Erdbeben in Chili (1807)

Die Marquise von O. (1808)

Michael Kohlhaas (1810)

Peter Schlemihls wundersame Geschichte (1813)

Der Sandmann (1816)

Das Fräulein von Scuderi (1819)

Aus dem Leben eines Taugenichts (1826)

Lenz (1836)

Die schwarze Spinne (1841)

Die Judenbuche (1842)

Kleider machen Leute (1855)

Romeo und Julia auf dem Dorfe (1855)

Unterm Birnbaum (1885)

Bahnwärter Thiel (1887)

Der Schimmelreiter (1888)

Leutnant Gustl (1900)

Tonio Kröger (1903)

Angst, Zweig (1910)

Traumnovelle (1926)

Mario und der Zauberer (1930)

Die Schachnovelle (1942)

Die Entdeckung der Currywurst (1993)

Im Krebsgang (2002)