Das Volksstück

Unterhaltung für das österreichische Volk 

Um das Übergreifen der Französischen Revolution auf die Habsburgermonarchie zu verhindern, werden von der österreichischen Obrigkeit in den 1770er Jahren mehrere Maßnahmen beschlossen, die der Bevölkerung das Gefühl vermitteln sollen, dass sich die Aristokratie um sie bemüht. Eine von ihnen besteht darin, dem Volk Unterhaltung zu bieten. Dazu werden in Wien mehrere Vorstadttheater sanktioniert: das Theater im Freihaus auf der Wieden, das Theater in der Josefstadt und das Theater in der Leopoldstadt.

Die Theateraufführungen, die für diese Theater produziert werden, werden als österreichische Volksstücke bezeichnet. Diese dienen als Gegenentwürfe zum höfischen Theater. Die Volksstücke werden jedoch von der staatlichen Zensur streng überwacht, Improvisation ist nicht erlaubt, um politischen Aktivismus zu unterbinden.

Für gewöhnlich wird ein Volksstück nach dem Motto „vom Volk, über das Volk, für das Volk“ im kleinbürgerlichen Milieu angesetzt, also im Gegensatz zum höfischen Stück, in dem zumeist Aristokraten eine tragende Rolle spielen. Die kleinbürgerlichen Alltagsgeschichten werden von Musik, Tanz und Gesang begleitet und neigen zum Happyend. Viele Volksstücke sind durch den Dialekt, die „Sprache des Volkes“, geprägt.

Die aussterbende harmlose Komödie

Nun führt die strenge staatliche Zensur dazu, dass die Volksstücke weitgehend keine Gesellschaftskritik verwenden dürfen. Viele der dargebotenen Geschichten sind daher harmlos, anspruchslos und nach heutigem Verständnis geradezu naiv. Zelebriert werden ein harmonisches Weltbild und die Wiener Gemütlichkeit. Bei den Volksstücken handelt es sich zumeist um Komödien („Possen“), obwohl sich auch zuweilen Melodramen und Tragödien unter ihnen finden lassen. 

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts erreicht das Volksstück mit Johann Nepomuk Nestroy und Ferdinand Raimund seinen Höhepunkt. In der Folge verbreitet es sich im gesamten deutschsprachigen Raum. Nennenswert ist in diesem Zusammenhang das 1824 gegründete Königsstädtische Theater in Berlin, an dem sich eine ähnliche Volksstücktradition entwickelt wie in Wien.

Gegen Mitte des 19. Jahrhundert kommt das Volkstheater zum Erliegen. Zwar wird es von den Romantikern idealisiert und sein Untergang beweint, doch für eine Wiederbelebung reicht es nicht aus. Die Wiener Vorstadttheater werden zwar ausgebaut, das gemeine Volk kann sich aber den Eintritt nicht mehr leisten. Auf kleineren Volksbühnen wird nun nicht mehr das als veraltet angesehene Volksstück aufgeführt, sondern das moderne aus England und Frankreich kommende Varieté.

Das neue Volksstück

Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts lebt das Volksstück durch den Schriftsteller Ludwig Anzengruber kurzzeitig wieder auf. Anzengrubers realistische Volksstücke, wie sein bekanntestes Drama Das vierte Gebot (1978), lehnen sich dabei eher am Melodram als an der Posse an. Seine sozialkritischen und psychologischen Stücke sind vorwiegend im bäuerlichen Milieu angesiedelt.

Zwischen den beiden Weltkriegen sind es vor allem Ödön von Horváth, Bertolt Brecht und Carl Zuckmayer, die sich intensiv mit dem Volksstück beschäftigen. Ihr Anliegen ist darauf ausgerichtet, das traditionelle Volksstück zeitgemäß zu gestalten und zurück auf die deutschen Bühnen zu bringen. Als eines der wichtigsten dieser „neuen Volksstücke“, die gesellschafts- und sozialkritisch sind, gilt Horváths Geschichten aus dem Wiener Wald (1931). Das Stück entlarvt die Scheinmoral der Kleinbürger, ihren Egoismus, ihre Skrupellosigkeit und Gewaltbereitschaft, die bald darauf auch ihren schicksalshaften Beitrag zum Aufstieg des Austrofaschismus in Österreich leisten werden.

Wichtige Vertreter

Unsere Werke

Geschichten aus dem Wiener Wald (Ödön von Horváth, 1931)