Das soziale Drama

Bereits im 18. Jahrhundert wird in der Literatur eine gewisse Sozialkritik in Komödien oder bürgerlichen Trauerspielen geäußert, aber erst im 19. Jahrhundert werden in der deutschen Literatur soziale Dramen geschrieben. Die Dichter des Realismus, wie Gottfried Keller, Theodor Storm oder Theodor Fontane, verfassen bürgerliche soziale Dramen, während die Naturalisten, wie Arno Holz und Gerhart Hauptmann, das harte Leben der unteren Gesellschaftsschichten schildern. 

Das soziale Drama rückt die Beziehungen zwischen Mensch und Gesellschaft in den Vordergrund. Es verdeutlicht, wie das Individuum durch seine Lebensumstände geprägt und zu bestimmten Handlungen veranlasst wird. Das Milieu ist demnach formgebend und von übergeordneter Bedeutung. Es bildet den sogenannten ‚sozialen Untergrund‘ des Dramas, auf welchem das gesamte Geschehen und die Charaktere aufgebaut sind.

Das soziale Drama entwickelt sich im Zeitalter der Industrialisierung, welches maßgeblich durch die ‚soziale Frage‘ bestimmt ist. Der Übergang von der Agrar- hin zur Industriegesellschaft trägt zur Verelendung großer Bevölkerungsteile bei. Bauern und Handwerker verlieren ihre Existenzgrundlage, es kommt zur Landflucht vieler Menschen in die Städte. In den Großstädten bildet sich eine verarmte Arbeiterschicht heraus. Viele Künstler widmen sich dem Elend dieser unteren Bevölkerungsschichten, so auch die Autoren der sozialen Dramen.

Die Charaktere ihrer Werke sind durch ihr Äußeres, ihren Beruf und ihre Sprache (Soziolekt) milieugetreu gekennzeichnet. Sie handeln zumeist aus sozialer Not heraus. Sofern sich die Figuren schuldig machen, ist dies den gesellschaftlichen Umständen und nicht den charakterlichen Schwächen geschuldet. Die Unfreiheit der Charaktere und ihre menschliche Seite sollen beim Zuschauer Mitleid und Verständnis erwecken.

Das soziale Drama macht deutlich, dass die gesellschaftlichen Missstände durch Standes- oder Klassenunterschiede bedingt sind, und ergreift für die Armen und Unterdrückten Partei. In diesem Sinne ist es nicht nur auf die Phase der Industrialisierung, sondern auch auf andere Kontexte übertragbar. Zumeist wird die soziale Gegenwart des Autors beschrieben. Nicht zuletzt gehen soziale Dramen häufig mit einer kritischen Haltung einher, d. h. die sozialen Hierarchien werden nicht nur offengelegt, sondern auch infrage gestellt und angeprangert. Die Verbesserung der Verhältnisse zugunsten der unteren Schichten wird als zu erreichendes Ideal propagiert. Bis heute gilt Gerhart Hauptmanns Die Weber (1892) als Prototyp des sozialen Dramas. Auch sein Roman Vor Sonnenaufgang (1889) gehört in diese Kategorie.