Das Rührstück

Ende des 18. Jahrhunderts etablieren sich neue Tendenzen in der deutschen Theaterlandschaft. Französische Dramen und Lustspiele, englische Schauspiele von Shakespeare und Beaumont sowie die Werke Goethes, Schillers und Lessings werden durch die immer beliebter werdende Gattung des bürgerlichen Rührstücks verdrängt. Der Dichter Ludwig Tieck (1773-1853) bezeichnet Stücke dieser Gattung verächtlich als die „kleinlichen Gemälde des häuslichen Familienlebens“.

Das Rührstück gehört zur Trivialdramatik und ist bei dem zeitgenössischen Theaterpublikum sehr beliebt. Die Gattung schildert moralische Konflikte innerhalb der bürgerlichen Familie. Dabei stehen sich vor allem tugendhafte und besonders lasterhafte Figuren gegenüber, die in Intrigen, emotionale Verwicklungen und Irrtümer verwickelt sind. Die Geschichten sollen die Zuschauer zum Mitfühlen anregen und sowohl zum Weinen als auch zum Lachen bringen. Häufig kommt Gesang oder melodramatische Musik zum Einsatz. In einer rührseligen Schlussszene werden die Konflikte aufgelöst. Schließlich siegt die Moral im Happy End. Aus heutiger Sicht ist das Rührstück mit dem TV-Format der Telenovela vergleichbar.

August von Kotzebue (1761- 1819) gehörte zu den Hauptvertretern des Rührstücks und war der mit Abstand populärste und meistgespielte Dramatiker seiner Zeit. Seine Stücke wurden in viele Sprachen übersetzt und auf internationalen Bühnen gespielt. Zu seinem Repertoire gehörten neben Rühr- und Familienstücken auch bürgerliche Tragödien, Singspiele, Possen und Lustspiele. Nicht minder erfolgreich war damals der Bühnenautor August Wilhelm Iffland mit seinen sogenannten Familiengemälden – einer Spätform des Rührstücks.