Das epische Theater

Das aristotelische Theater

Das aristotelische Theater zielt darauf ab, den Zuschauer das Geschehen auf der Bühne miterleben zu lassen. Im Mittelpunkt steht ein tragischer Held, mit dem sich der Zuschauer identifizieren soll. Der Zuschauer soll das Stück als ein emotionales Erlebnis erfahren und sich in die Hauptfigur hineinfühlen und die gleichen inneren Prozesse durchleben. So empfindet der Zuschauer „Furcht und Mitleid“ wie der Held und erfährt dadurch eine Katharsis (Reinigung) seines eigenen Charakters. Die Verbesserung des einzelnen Menschen soll damit herbeigeführt werden.

Mit dem aristotelischen Dramenkonzept soll das Stück auf der Bühne einen harmonischen, in sich abgeschlossenen Ausschnitt der Welt präsentieren. Es zeigt ein in sich stimmiges Weltbild mit klaren gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten. Das Stück ist der Ausdruck einer bestimmten übergeordneten geistigen Idee.

Das neue offene Drama

Bertolt Brecht und Erwin Piscator entwickelten in den 1920er Jahren das sogenannte epische Theater. Darunter versteht man eine Form der Bühnendarstellung, die nicht durch die klassischen aristotelischen Elemente gekennzeichnet ist, sondern beim Zuschauer erreichen will, dass dieser zu einer eigenständigen und selbstbestimmten Auseinandersetzung mit dem Dargestellten veranlasst wird.

Der Begriff ‚episches Theater‘ ist als Gegenstück zum dramatischen und damit zum aristotelischen Theater angelegt. Es soll den Zuschauer vor allem zum Nachdenken animieren, der Spannungsbogen ist nebensächlich oder fehlt völlig. Auf der inhaltlichen Ebene hat dieses Vorgehen auch zu einem radikalen Bruch mit den Themen des klassischen Theaters geführt, wo dem Zuschauer in lehrhafter Weise Rollenmodelle und tragische Schicksale einzelner Figuren präsentiert werden. Brecht fordert nun vom Zuschauer eine eigenständige und weltbezogene Auseinandersetzung mit aktuellen Themen.

Im epischen Dramenkonzept wird die Welt in Ausschnitten gezeigt. Das vorausgesetzte Weltbild ist brüchig und in sich nicht stimmig. Die Erfahrung dieser Welt steht im Mittelpunkt der Darstellung. Das Drama ist prinzipiell offen, unbegrenzt und weist über das Bühnengeschehen hinaus, da es überhistorische Zustände veranschaulicht. Die Handlung könnte also an jedem Punkt fortgesetzt werden.

Die Verfremdungseffekte

Eines der wichtigsten Elemente dieses Konzepts sind verschiedene Verfremdungseffekte, die oftmals nur abgekürzt als V-Effekte bezeichnet werden. Sie sollen dem Zuschauer stets verdeutlichen, dass er ein Schauspiel sieht und er eine gewisse Distanz zum Dargestellten wahren muss. Diese Verdeutlichung wird beispielsweise durch den Einsatz von Musikeinlagen erzielt, die das Dargestellte reflektieren. Ebenso sprechen die Schauspieler die Zuschauer direkt an und zeigen ihnen, dass sie eine Rolle spielen, die nichts mit ihrer eigenen Person zu tun hat und dass sie ihre Rolle auch selbst reflektieren. Dieser Effekt kann auch dadurch erzielt werden, dass ein Schauspieler nicht zu seiner eigenen Rolle passt, indem beispielsweise eine junge Frau einen alten Mann spielt.

Auch die Bühne wird für diese Art des Schauspiels transformiert. Oft gibt es einen Steg, der in den Zuschauerraum hineinragt und auf dem die Schauspieler einen möglichst engen Kontakt zu den Zuschauern aufnehmen können. Die Bühne selbst zeichnet sich durch ein sehr minimalistisches Bühnenbild aus. Die Kostüme sind einfach gestaltet, es stehen kaum Requisiten zur Verfügung und selbst die Beleuchtung kann sichtbar bleiben.

Um diesen Verfremdungseffekt voll auszunutzen, werden selbst die Umbauten zwischen den Szenen bei offenem Vorhang getätigt, sodass sich der Zuschauer stets über die Illusion im Klaren ist. Einige wichtige inhaltliche Punkte können in Form von Bildern, Videos oder Texten auf die Bühne projiziert werden. Auch der Einsatz von Plakaten und Bannern ist in diesem Kontext durchaus geläufig. In größeren Schauspielhäusern können sogar mehrere Bühnen gleichzeitig vorhanden sein oder auf der Hauptbühne große mechanische Elemente zum Einsatz kommen, wie beispielsweise Drehscheiben oder Hebebühnen.

Der Grund für diese radikale Erneuerung waren die marxistischen Überzeugungen Brechts. Im Sinne von Marx wollte Brecht mit seinem Konzept den Zuschauer zu einer kritischen Reflexion des Dargestellten animieren und damit das gesellschaftliche Sein beeinflussen, das Marx zufolge das Bewusstsein bestimmt.

Werke die Merkmale des epischen Theaters ausweisen:

Die Dreigroschenoper (Bertolt Brecht, 1928)

Mutter Courage und ihre Kinder (Bertolt Brecht, 1939)

Das Leben des Galilei (Bertolt Brecht, 1938)

Der gute Mensch von Sezuan (Bertolt Brecht, 1939)

Der kaukasische Kreidekreis (Bertolt Brecht, 1944)