Rezension

Euripides Tragödie „Medea“ knüpft an die alten griechischen Mythen um Iason, den Anführer der Argonauten, und Medea, die zauberkundige Tochter des Königs von Kolchis, an. Sie hat in der Vorgeschichte der Handlung Iason dabei geholfen, das Goldene Vlies von ihrem Vater zu stehlen, und hat auf der Flucht ihren eigenen Bruder getötet. In Korinth finden Medea und Iason Zuflucht, wo sie eine Familie gründen. Medea bringt zwei Söhne zur Welt, doch im Laufe der Zeit lebt sich das Paar auseinander. Schließlich entscheidet sich Iason dafür, Glauke, die junge Tochter des korinthischen Königs Kreon, zu heiraten. 

In dem Moment, in dem Medea erfährt, dass Iason sie verlassen will, setzt die Handlung von Euripides´ Tragödie „Medea“ ein. Sie ist außer sich, gerät in Wut und droht mit gewalttätiger Rache. „Ich fürchte um sie, daß sie etwas Unerwartetes plant. Schwerblütig ist ihre Art, und sie erträgt es nicht, daß ihr Übles geschah.“ (S. 13), berichtet Medeas Amme vorausdeutend.

Der vorsichtige korinthische König Kreon will sie umgehend mit ihren Kindern des Landes verweisen, um seine Tochter und seinen zukünftigen Schwiegersohn Iason vor Medeas Rache zu schützen. Er kennt ihrer Vorgeschichte und weiß, wie rücksichtslos und brutal sie gegen jeden vorgeht, der ihr und ihren Plänen in die Quere kommt.  Medea kann ihn aber davon überzeugen, dass er ihr noch bis zum folgenden Tag Aufschub gewährt - angeblich nur, um ihren Gang ins Exil vorzubereiten. Doch stattdessen nutzt sie diese Zeit dazu, um ihre fürchterliche Rache ausüben zu können.

Die Dramatik der Handlung steigert sich durch das Aufeinandertreffen von Iason und Medea im 2. Epeisodion. Im Gespräch zeigen sich die großen sozialen Unterschiede zwischen den Geschlechtern in der antiken griechischen Gesellschaft und der Umgang damit. Der rational argumentierende Iason kann die emotional völlig aufgewühlte Medea weder besänftigen, noch ihr die Gründe für sein Handeln begreiflich machen. Das Ehepaar entzweit sich im Gespräch weiter und formuliert die völlig gegengesetzten Positionen.

Das Werk ist von dem für die antiken griechischen Philosophen so typischen dialektischen Blick auf die Dinge geprägt. Im ursprünglichen Sinne bedeutet Dialektik „ein Gespräch führen“, bei dem sich zwei entgegengesetzte Positionen durch gezieltes Fragen und Antworten der ganzen Bandbreite eines Themas widmen. Euripides greift auf dieses Konzept zurück und lässt im Zwiegespräch auf der Bühne immer wieder völlig konträre Positionen aufeinanderprallen, um diese Gegensätze und ihre jeweilige Rechtfertigung zu verdeutlichen. 

Während Iason sein Handeln durch logische Argumente erklärt, lässt sich Medea von ihren Gefühlen und ihrer Eifersucht lenken und rächt sich grausam:  Ihre verletzte Ehre und ihr unbändiger Stolz veranlassen sie schließlich dazu, Glauke und Kreon zu vergiften und ihre eigenen Kinder eigenhändig zu ermorden.

In „Medea“ trifft im Laufe der Handlung große Liebe auf rasende Eifersucht, rationale auf emotionale Argumentation, Naivität auf Hinterlistigkeit, Fürsorglichkeit auf Egozentrik, Vorurteile auf den Wunsch nach individueller Würdigung. Die besondere Rolle der Frau, die sich in der von Männern dominierten zeitgenössischen griechischen Gesellschaft nur sehr schwer behaupten kann, wird in der Tragödie von Euripides thematisiert. Aber Medea verkörpert keine normale Frau und unterscheidet sich beispielsweise deutlich vom Chor der Frauen. Die Königstochter, Priesterin und Zauberin ist zugleich sowohl menschlich als auch übermenschlich und besitzt sowohl weibliche als auch männliche Charaktereigenschaften.

Im Gegensatz zu modernen Tragödien, wie „Woyzeck“, in welcher der einfache betrogene Soldat seine Lebensgefährtin ermordet, oder wie bei „Faust“, in der die verzweifelte Grethe zur Kindesmörderin wird und sich nicht vom Faust im Kerker retten lassen will, sondern den Tod vorzieht, wird Medea in der Erzählung weder von sich selbst, noch von den Menschen, noch von den Göttern bestraft. 

Nachdem sie Glauke und Kreon vergiftet und ihre beiden Söhne ermordet hat, lässt Medea bewusst Iason am Leben, um ihm den Rest seiner Tage durch den Verlust seiner Söhne und Glaukes zu quälen. 

Medea hat dagegen kühl und berechnend ihre Zukunft in Athen als Königin und Mutter neuer Söhne geplant. Im Jahr 431 v. Chr. verkörpert sie ein Beispiel für die Grausamkeit, Hinterlistigkeit und Brutalität der Menschen, die sich heute noch ab und zu in den Zeitungen oder in Krimis findet. Euripides, ein Schüler der Sophisten, die den Menschen und die Vernunft in den Mittelpunkt ihres Weltbilds rückten, wollte uns sicher damals davor warnen. So mahnt auch der Chor am Ende der Handlung vor den langfristigen Konsequenzen ihrer furchtbaren Tat: „Es stützt die Unselige ins Meer, durch gottlosen Mord an den Kindern, die Meeresküste mit dem Fuβ überspringend, sterbend mit den zwei Söhnen geht sie zugrund.“ (S. 101)....

Der Text oben ist nur ein Auszug. Nur Abonnenten haben Zugang zu dem ganzen Textinhalt.

Erhalte Zugang zum vollständigen E-Book.

Als Abonnent von Lektürehilfe.de erhalten Sie Zugang zu allen E-Books.

Erhalte Zugang für nur 5,99 Euro pro Monat

Schon registriert als Abonnent? Bitte einloggen