Rezension

„Homo faber“ ist ein Roman des schweizerischen Schriftstellers Max Frisch. Er ist 1957 erstmals erschienen und in den Kanon der deutschen Literatur eingegangen.

Zum Inhalt: Der schweizerische UNESCO-Ingenieur Walter Faber, der in New York lebt, unternimmt viele Reisen, die sich eher zufällig ergeben. Zurückgekehrt  von einer spontanen Reise nach Mexiko, fährt er per Schiff nach Paris und lernt auf der Fahrt die zwanzigjährige Elisabeth Piper kennen. Es entwickelt sich eine Liebesbeziehung zwischen Faber und Elisabeth. Was Faber nicht weiß, ist, dass Elisabeth seine eigene Tochter ist. In Griechenland, wo Elisabeth ihre Mutter Hanna besuchen will, kommt es in Fabers Beisein zu einem tragisch endenden Unfall: Elisabeth stirbt an den Folgen einer Kopfverletzung. Walter beschließt, wieder mit Hanna, seiner Jugendliebe und der Mutter seiner verstorbenen Tochter, zusammenzukommen. Doch vorher muss er noch den Magenkrebs überleben, der nach Elisabeths Tod bei ihm entdeckt wird.

Der Roman ist als ein Bericht des Protagonisten Walter Faber geschrieben worden. Der Icherzähler berichtet von den vergangenen drei Monaten seines Lebens im Jahr 1957.

Interessant ist für den Leser das Gefühl, sich mit der Hauptfigur Faber nicht identifizieren zu können – Faber ist frauenfeindlich und streckenweise menschenfeindlich und daher nicht unbedingt ein Kandidat für Sympathie. Die gesamte Handlung über kann man sehen, wie sehr der Protagonist versucht, seine menschlichen, emotional geleiteten Handlungen zu rationalisieren und teilweise abzustreiten. Erst am Ende gibt Faber sich seinen wirklichen Gefühlen hin. Doch dann ist es vermutlich zu spät für ihn, noch sein Glück mit Hanna zu finden.

In „Homo faber“ wird ein düsteres Bild vom modernen, sachlich denkenden Menschen gezeichnet. Der Roman kann auch als eine Art Warnung vor der Illusion, man habe sein Leben im Griff, angesehen werden. Denn der Zufall, wie es die Handlung zeigt, kann den Menschen auf die unmöglichsten Pfade führen, in Fabers Fall die unwissentliche inzestuöse Beziehung zu der eigenen Tochter.

Hier haben wir die deutlichste Anspielung des Romans: der Hinweis zur Ödipustragödie. Genau wie Ödipus, der versehentlich ein inzestuöses Verhältnis zu seiner Mutter eingeht, will Faber sich, nachdem er die Wahrheit erfährt, selbst die Augen ausstechen – er tut es allerdings nicht wirklich, im Gegensatz zu seiner mythologischen Vorlagefigur.

Neben den philosophischen Fragen über das Leben, das Älterwerden und die Selbstrealisierung, die der Roman aufwirft, gibt es für den Leser spannende Einblicke in die Welten verschiedenster Kontinente und Kulturen. Zusammen mit Walter Faber sehen wir vieles, was die Erde zu bieten hat: vom „American Way of Life“ der 1950er-Jahre über das Kunstkulturerbe Europas, von der Dschungelnatur Zentralamerikas bis zum Anblick der kubanischen Schönheiten, die Havannas Straßen entlangspazieren. In Rückblenden erzählt Faber, was er mit seiner Studienfreundin Hanna erlebt hat, die als deutsche Jüdin in den 1930er-Jahren aus ihrer Heimat fliehen musste. Hier lernt der Leser auch etwas über den Schrecken des deutschen NS-Regimes aus schweizerischer Sicht.

Insgesamt ist „Homo faber“ ein düsterer, spannender und sehr lehrreicher Roman, der es schafft, mit bunter Bildsprache und intensivem Einblick in die Psyche eines ungewöhnlichen Protagonisten zu faszinieren – auch, wenn dem Protagonisten dieses Wort missfallen würde.