Weltbild und sein Selbstbild

Das Weltbild, das der Protagonist und Icherzähler des Romans hat, passt sehr gut mit seinem Selbstbild zusammen. Allerdings ist Fabers Selbstbild, wie bereits im letzten Abschnitt ansatzweise gezeigt wurde, gar nicht realistisch.

Zunächst sieht Faber die Welt mit den Augen eines Naturwissenschaftlers. Er kann die Wahrscheinlichkeit, dass etwas Bestimmtes passiert, ausrechnen (S. 22). Er glaubt weder an Fügung noch an Schicksal, doch, wenn etwas Unwahrscheinliches passiert, ist Zufall seine einzige Erklärung dafür (S. 22). In Fabers Welt gibt es keinen Gott oder andere übernatürliche Mächte. Sein atheistisches Weltbild wirkt sich auch auf seine moralischen Ansichten aus, die teilweise sehr fortschrittlich sind. Schwangerschaftsunterbrechungen findet Faber beispielsweise moralisch völlig unproblematisch, er hält sie sogar für notwendig zur Regulierung des Bevölkerungswachstums.

Vielen Lesern wird es schwerfallen, Walter Faber sympathisch zu finden oder sich mit ihm zu identifizieren. Das liegt auch daran, dass sein Weltbild aus Ansichten besteht, die heutzutage mit negativ besetzten Begriffen in Verbindung gebracht werden, z. B. Vorurteile, Frauenfeindlichkeit, Rassismus, Menschenfeindlichkeit oder Gefühlskälte.

In Fabers Weltauffassung lassen sich bestimmte Menschengruppen bestimmten Verhaltensweisen zuordnen. Er denkt also in vielen Stereotypen. Wissenschaftler, so meint Faber, seien keine Menschen, die weinten. Daher wundert er sich sehr, den von ihm bewunderten Professor O. einmal weinen zu sehen. Faber hat auch klare Vorstellungen darüber, wie Männer und Frauen sind. Jeder „wirkliche Mann“ sei ein Arbeitsmensch (S. 90), und „kein Mann“ ertrage die ständigen Zärtlichkeiten und Gefühlsäußerungen der Frauen zu jeder Tagesszeit (S. 91). Frauen dagegen seien hysterische Wesen (S. 24), welche nur aufs Heiraten aus wären und Männer in ihre Fänge bekommen möchten – alle Frauen sind für Faber wie der symbolische Name seiner Geliebten, Ivy – Efeu: Sie nehmen den Platz, den sie brauchen, ein, schlingen sich immer höher um das Gebäude (den Mann) und sind giftig, also schädlich.

Die Pauschalisierungen, die Faber über Männer und Frauen macht, zeigen, dass er ...

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