Interpretation

”Homo faber” ist eines der ganz großen Werke deutschsprachiger Literatur. Der Roman ist ein moderner Klassiker, der auf höchst interessante Weise ein Bild vom modernen Menschen und seinen Problemen zeichnet.

Dieses Werk bietet höchsten Lesegenuss, doch gleichzeitig ist die Deutung sehr anspruchsvoll. Um die gesamte Bandbreite an Themen verstehen zu können und damit das Lesevergnügen zu verdoppeln, ist diese Interpretation genau das richtige Hilfsmittel.

Die wichtigsten Motive des Romans werden erklärt  und es verschiedene inhaltliche Aspekte werden gedeutet. Themen wie die Schuldfrage oder das Verhältnis des Menschen zur Technik werden nachvollziehbar interpretiert. Die schwer durchschaubaren Hinweise im Roman, zum Beispiel zu Geschichten aus der griechischen Mythologie oder die Bedeutung des Begriffes „Homo faber“, sind hier leicht verständlich und hintergründig erklärt.

Auszug aus dem Text:

Faber ist Atheist. Doch er lebt nicht einfach zufrieden als nichtgläubiger Mensch. Er hat auch kein Verständnis dafür, wenn Menschen eine Neigung dazu haben, an etwas Übernatürliches oder Mystisches zu glauben. Das lässt sich daran erkennen, dass er als Gegensatz dazu, gläubig zu sein, die Vernunft nennt, mit der er sich identifiziert. Gläubigen spricht er also indirekt Vernunft ab, (S. 80).

Da Gefühle für Faber ein Zeichen von Schwäche sind, will er auch nicht, dass bei ihm Gefühle vermutet werden, besonders nicht von Elisabeth und besonders nicht Gefühle der Trauer, (S. 90).

Faber sieht sich selbst als Einzelgänger und daher als schlechter Kandidat für eine Ehe.

Immer wieder betont Faber, dass er Rationalist sei, dass er vernünftig (nach seiner Definition) und für Sachlichkeit sei (z. B. S. 44, 47). Doch, obwohl er aufgrund seiner Sachlichkeit nichts von Kunst hält, gerät er beim Anblick des Lichtfalls auf den „Kopf einer schlafenden Erinnye“ (S. 111) ins Schwärmen. Obwohl er die Emotionalität der Frauen abstoßend findet, gesteht er ein, Hanna geliebt zu haben (S. 46). Obwohl er meint, sich nicht in Elisabeth zu verlieben, fühlt er die Eifersucht in sich hochsteigen (S. 77), wenn andere Männer sich mit ihr unterhalten.

In der Beziehung zu Elisabeth wird Faber ohnehin verunsichert. Er, der sich eigentlich für einen attraktiven Mann hält, dem sein Alter nichts ausmacht (S. 98), schämt sich plötzlich dafür, dass ihm Dinge entfallen (S. 109). Er kommt sich „onkelhaft“ (S. 83) vor in ihrer Gegenwart, was nicht zu seinem Selbstbild passt. Dass er sich seines Alters wegen unterlegen fühlt, gleicht er mit autoritärem Verhalten Elisabeth gegenüber in anderen Punkten aus. Er macht ihr teilweise Vorschriften und respektiert nicht ihre Rechte (S. 85). Denn logischerweise ist in seinen Augen eine zwanzigjährige Frau nicht ernst zu nehmen. Andererseits behauptet er, intellektuelle Frauen nicht zu mögen (S. 112). Dass es sich hier um eine große Selbstlüge handelt, ist für den Leser ganz deutlich erkennbar, da die einzige Frau, die Faber je geliebt hat, Hanna war – eindeutig eine Intellektuelle.

Walter Faber ist eine Figur, die verkörpert, was passieren kann, wenn man sich aus Schutz vor den eigenen Emotionen eine Mauer aufbaut, die andere Menschen abwehrt. Man tappt schnell in die Falle der Selbstlüge und muss sich letztendlich eingestehen, dass die eigene Realität eine ganz andere ist, als man es sich eingeredet hat. Faber erfährt diese Dekonstruktion der psychischen Schutzmauer auf besonders schmerzhafte Weise.

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