Identität

Kollektive Rollenzuschreibung

Für Frisch ist die Basis, sich selbst zu akzeptieren, die Liebe zu seinem eigenen Ich. Darauf weist auch der Pater hin, jedoch versucht er, Andri ein Fremdbild aufzuzwingen. Das eigene Ich muss akzeptiert werden, um seine Persönlichkeit zur Entfaltung zu bringen. Allerdings kann dieses Vorhaben scheitern, und das ist besonders dann der Fall, wenn ein Bildnis, das gesellschaftlich getragen wird, an uns herangetragen wird. Genau das geschieht mit Andri. Er sieht sich kollektiv vertretenen Vorurteilen gegenüber, die dazu führen, dass er nicht mehr sein eigenes Wesen entfalten kann, sondern nur noch die von außen vermittelten Klischees.

Frisch stellt hier aber nicht nur einen Einzelfall dar, sondern verweist darauf, wie Gruppen andere Gruppen in Rollen drängen. Die Andorraner treten als Kollektiv (Verwendung des Plurals, S. 21, 22, 36, 59, 85) auf und sehen auch in Andri kein Individuum mehr, was sich an ihrer Anrede Andris im Plural (S. 21, 32, 35, 42, 63, 64) verbunden mit allgemeinen antisemitischen Vorurteilen zeigt.

Die „self-fullfilling prophecy“

Andris Entwicklung zeigt musterhaft die Wirkung von Vorurteilen. Zuerst versucht er, das Fremdbild der Andorraner abzuwehren, und versteht es nicht („Ich weiß nicht, wieso ich anders bin als alle“, S. 27; „Warum schmähen sie mich?“, S. 34; „Immer muß ich denken, ob’s wahr ist, was die andern von mir sagen […]“, S. 60; „Ich bin nicht anders. Ich will nicht anders sein“, S. 61). Er erkennt die Gefahr der Vorurteile, wenn er sie als „das Böse“ (S. 28) bezeichnet. Die Verbitterung Andris durch die Vergewaltigung Barblins und die ablehnende Haltung des Lehrers gegenüber einer Verlobung der beiden, die Andri auf sein Judentum bezieht („Weil ich Jud bin“, S. 47), führt ihn dahin, dass er sich selbst nicht mehr akzeptieren kann: „Sie kann mich nicht lieben, niemand kann’s, ich selbst kann mich nicht lieben“, (S. 63).

In dieser Phase wirkt auch noch der Pater auf ihn ein, er solle das klischeehafte Bild der Andorraner akzeptieren: „Wie sollen die andern uns lieben können, wenn wir uns selbst nicht lieben? […] Wir müssen uns selbst annehmen, und das ist es, Andri, was du nicht tust“, (S. 63). Perfiderweise tut er das aus einer philosemitischen Haltung heraus, die sein Vorurteil gegenüber Andri verdecken soll. Nach dem Gespräch mit dem Pater kann Andri nicht mehr zu sich selbst zurückkehren,...

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