Bildnis

Stereotypen

Die Bildnisthematik wird durch den Pater eingeführt, der zugibt, gegen das Verbot aus der Bibel verstoßen zu haben (S. 65). In der Bibel heißt es dazu: „Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder des, das oben im Himmel, noch des, das unten auf Erde, oder des, das im Wasser und unter der Erde ist“, (2. Mose, 20, 4). Das bedeutet, der Mensch soll sich weder von Gott noch von anderen Lebewesen ein Bild machen. Dieses Gebot verletzt der Pater, indem er in Bild 7 nicht auf Andris individuelle Probleme eingeht, sondern ihn einfach in die Schablone des Juden, des Kollektivs der Juden, presst, was in seiner Ansprache sichtbar wird: „Ihr macht es einem wirklich nicht leicht mit eurer Überempfindlichkeit“, (S. 63). Das zeigt, dass er Andri als Repräsentant aller Juden betrachtet und ihn nicht in seiner Individualität erkennen kann.

Sich ein Bild zu machen, bedeutet demnach, sich eine feste Vorstellung von einem Menschen zu machen, wie er aussieht, handelt, denkt und fühlt, ohne sein individuelles Wesen in diese Betrachtung mit einzubeziehen. Natürlich ist dieser psychologische Prozess im ersten Moment nicht verwerflich, er läuft tagtäglich in uns ab. Durch Stereotypisierungen entlasten wir unsere Wahrnehmung und können die Umwelt durch Verwendung psychischer Schablonen schneller einordnen. Wenn wir Menschen in bestimmte Kategorien einordnen, können wir uns in bestimmten Situationen auf wesentlichere Aspekte konzentrieren. Freilich läuft diese Zuweisung nicht immer fehlerfrei ab. Das Denken des Menschen ist also immer von Stereotypen bestimmt.

Gefährlich werden diese Stereotype, wenn sie sich verfestigen und zu festen Vorurteilen werden. Das ist etwa dann gegeben, wenn wir glauben, Menschen oder ganze Gruppen einschätzen zu können, obwohl wir ihnen nie begegnet sind, oder aufgrund von negativen Einzelerfahrungen generelle Urteile über Kollektive fällen. Daraus ergeben sich bestimmte Gruppenverhältnisse: Die Verurteilenden bilden eine Ingroup, also eine Gruppe, in die niemand mehr eintreten kann, der den Vorurteilen der Gruppe entspricht. Die Diskriminierten werden zur Outgroup, also der Gruppe, der negative Eigenschaften zugeschrieben werden, und der die Möglichkeit genommen wird, in einen unvoreingenommenen gesellschaftlichen Diskurs mit der Ingroup einzutreten.

Umso beständiger Vorurteile bestehen und die Betroffenen ihnen ausgesetzt sind, umso höher wird die Wahrscheinlichkeit, dass der Diskriminierte selbst beginnt, an sie zu glauben und sein Selbstbild aufgibt. In der Psychologie wird dann von einer „self-fullfilling prophecy“ gesprochen, also von der Überzeugung von Diskriminierten, die Vorurteile über sie wären tatsächlich wahr.

Andris Rollenzwang

Genau dieser Mechanismus wird in „Andorra“ vorgeführt. Die Andorraner begegnen Andri mit der geballten Stärke ihrer Vorurteile, in fast jeder Szene sieht sich die Figur einem anderen Klischee konfrontiert: Der Jude denke nur an das Geld (S. 15, 21, 35), er habe das Handwerk nicht im Blut (S. 32), er sei von Ehrgeiz besessen (S. 40), feige (S. 22), habe mehr Verstand als Gefühl (S. 64) und verstehe keinen Spaß (S. 42).

Diese Vorurteile werden dem Individuum Andri aber gar nicht gerecht. Die Figur ist sehr wohl ein guter Handwerker, denn er fertigt einen vollkommen stabilen Stuhl für seine Lehrlingsprobe (S. 30 f.). Er ist nicht feige, denn er prügelt sich mit mehreren Soldaten (S. 73 f.), womit er zum einen dem Vorurteil der Feigheit entgegentreten und zum anderen Barblins Vergewaltigung rächen will. Auch geldgierig erscheint Andri nicht. Ihm ist das Geld Mittel zum Zweck, um mit Barblin eine glückliche Zukunft zu haben (S. 53). Das Klischee, Juden hätten nur wenige Gefühle, wird in der Beziehung mit Barblin widerlegt, denn Andri ist zu tiefen, romantischen Gefühlen fähig. Aber durch die Brille ihrer Vorurteile können die Andorraner gar nicht erkennen, welche individuellen Wesenszüge Andri hat.

Den Grundstein dafür, dass sich alle ein Bildnis von Andri machen, hat der Lehrer gelegt. Er verschweigt den Andorraner aus Angst Andris wahre Herkunft („Weil auch du feig warst, als du wieder nach Hause kamst“, S. 78) und gefällt sich sogar in seiner Rolle als Retter des Judenkindes vor den Schwarzen (S. 24). Die späte Einsicht in die Fehlerhaftigkeit seines Handelns kann das Schicksal nicht mehr verändern. Darin zeigt sich die Wirkung und Unausweichlichkeit von Vorurteilen, wenn man diesen nicht entschlossen entgegentritt. Der Lehrer tut dies nicht, und Andri muss sterben.

Dem Lehrer ist aber auch noch der Vorwurf zu machen, dass er, nachdem er sein falsches Handeln eingesehen hat, nicht gegen die Vorurteile der Andorraner vorgeht. Er versucht, Andri als Objekt zu stilisieren, um den Andorraner ihre eigene Verwerflichkeit zu demonstrieren. Damit verkennt er seine wahre Schuld und leistet der Diskrim...

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