Entstehungsgeschichte

Die Prosaskizze „Ein andorranischer Jude“

Der Stoff für das Bühnenwerk „Andorra“ entstammte Max Frischs „Tagebuch 1946-1949“. Dort findet sich eine Kurzgeschichte mit dem Titel „Der andorranische Jude“, in der sich der Schriftsteller ausführlich mit dem Thema „Vorurteil“ auseinandersetzte. In dem Text geht es um einen jungen Mann, den die Andorraner für einen Juden halten und der, konfrontiert mit dem Fremdbild, allmählich beginnt, dieses Bild zu übernehmen. Dieser Text entstand 1946 und bildet die stoffliche Grundlage für „Andorra“.

Erst 12 Jahre später wendete sich Frisch der Kurzgeschichte wieder zu. Während eines zweiwöchigen Aufenthalts auf der Insel Ibiza, deren weiße Häuser die Kulisse für das Stück bilden, entstand die dramatische Fassung der Geschichte. Die Prosaskizze zeichnete schon vor, was im Drama voll ausgeprägt dargestellt wird: die (tödliche) Unausweichlichkeit des Vorurteils, der ein vermeintlicher Jude zum Opfer fällt.

Zwischen der Prosaskizze, die Frisch auf eine Zigarettenschachtel kritzelte, und dem Bühnenwerk „Andorra“ bestehen Unterschiede, die nicht nur darauf zurückzuführen sind, dass die Skizze nur andeutungsweise eine Geschichte erzählt und das Bühnenstück voll ausgearbeitet ist. In der Skizze ist der Junge, der am Ende zu Tode kommt, wirklich Andorraner. Der Andri des Dramas gehört eigentlich den Schwarzen an. Der zweite Unterschied besteht im Verhalten der Andorraner: In der Prosaskizze erkennen sie ihre Schuld, im Drama weisen sie diese, mit Ausnahme des Priesters, zurück. Der Umgang mit der Bildnisthematik markiert einen weiteren Unterschied. Während in der Dramenfassung der Pater gesteht, dass er sich ein Bildnis von Andri gemacht hat, findet sich am Ende der Prosafassung eine explizite Interpretationshilfe, in der das Vergehen der Andorraner, sich ein Bildnis gemacht zu haben, auf eine allgemeine Bedeutungsebene gehoben wird. Im Drama ist die Problematik der Prosaskizz...

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