Sprache und Stilmittel

Der Anschein gesprochener Sprache

Max Frisch hat für die Andorraner eine Umgangssprache entwickelt, die in dieser Form nicht existiert. Nach Frisch ist Andorra eine bäuerliche, etwas zurückgebliebene Gesellschaft, daher hat er sie mit einer einfachen, an eine tatsächliche, mundartliche Sprache erinnernde Sprache ausgestattet.

Der Anschein gesprochener Sprache ergibt sich aus Verkürzungen wie „ist’s”, „Jud” oder „Leut” in Barblins Fragen an den Pater: „Ist’s wahr, Hochwürden, was die Leut sagen? Sie sagen: Wenn einmal die Schwarzen kommen, dann wird jeder, der Jud ist, auf der Stelle geholt”, (S. 12). Barblins Äußerung wirkt umständlich und unterstreicht die Mundartigkeit. Das liegt auch daran, dass es direkte Rede ist und sie ihre Vermutungen hinsichtlich der Andorraner nicht im Konjunktiv (wie es schriftsprachlich der Fall wäre), sondern im Indikativ ausdrückt. Diese Anlehnung an eine Mundart zeigt sich in fast allen Äußerungen der Figuren in Andorra. Worte wie „ob’s” (S. 25), „seh’s” (S. 27), „der’s” (S. 43), „geb’s” (S. 51), „gibt’s” (S. 67), „man’s” (S. 106), „geht’s” (S. 109); „wollen’s” (S. 113) und „soll’s” (S. 122) spiegeln nur einen kleinen Ausschnitt aus der Art der Sprache der Figuren.

Allerdings wird dies nicht konsequent auf alle Figuren übertragen. Die Senora bedient sich beispielsweise des Hochdeutschen. Sie verwendet Worte wie „Jude” (S. 77) versus „Jud”, (S. 20, 21, 22, 39, 40, 41, 47, 49, 62, 63, 64, 74, 85, 86, 95, 99, 102, 111, 115, 119, 121, 124), „feige” (S. 77) versus „feig” (S. 22, 64, 74, 86) und „ist es” (S.41) versus „ist’s”( S.4, 5) . Dieser Gegensatz könnte ein Hinweis darauf sein, dass Frisch sein Drama auf die Schweiz bezieht. Die Verkürzung der Worte steht im Gegensatz zum Hochdeutsch der Senora. Diese kommt von drüben, von den Schwarzen, könnte also als Deutsche begriffen werden. Die Andorraner sind dann Schweizer, die mit ihrem Schweizerdeutsch auch vom Hochdeutsch abweichen. Die Deutung wird dadurch unterstützt, dass die Schwarzen leicht mit der SS, ergo mit Nazideutschland, identifiziert werden könnten.

Kollektive Sprachmuster

Die Sprache der Andorraner ist außerdem an ihr Rollenverhalten gebunden. Da sich diese Figuren (Tischler, Doktor, Wirt, Soldat, Geselle, Pater) auf überindividuelle Werte beziehen, ist ihre Sprache geprägt von kollektiven Mustern (allerdings weisen drei Figuren sprachliche Besonderheiten auf, siehe Rollensprachen). Diese Kollektivierung findet ihren sprachlichen Niederschlag dari...

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