Aufbau

Bertolt Brechts „Episches Theater“

Max Frisch gilt neben Friedrich Dürrenmatt (1921-1990) und Bertolt Brecht (1898-1956) als einflussreichster Dramatiker der Nachkriegszeit. Max Frisch und Bertolt Brecht verkehrten 1948 während eines halbjährigen Aufenthalt Brechts in Zürich regelmäßig miteinander. Außerdem besuchte Frisch Brecht in Berlin und las seine Schriften zum Theater. Daher hat Brechts Konzept auch auf Frisch einen nicht zu unterschätzenden Einfluss gehabt.

Brecht hat mit seinem Konzept des „Epischen Theaters“ eine Weiterentwicklung der Dramatik vorgenommen, die auch auf Frischs Arbeit wesentlichen Einfluss hatte. Brecht ging davon aus, dass das traditionelle Dramenkonzept den Ansprüchen der modernen Realität nicht mehr gerecht werden konnte. Sein Theater hatte nicht mehr die Katharsis zum Ziel, d. h., der Zuschauer sollte sich nicht mit dem Geschehen auf der Bühne identifizieren und durch das Nachvollziehen der Gefühle, die auf der Bühne dargeboten wurden, eine Befreiung von eigenen Problemen erleben.

In der Regel agierten die Figuren im klassischen Drama in einem steifen gesellschaftlichen Kontext, deren Strukturen unabänderbar waren. Brecht änderte diese Einstellung in seinem dynamischen Konzept und zeigte durch die Didaktisierung seiner Stücke, wie eben die Umweltfaktoren auf den Protagonisten einwirken: Die Gesellschaft  kann von den Menschen modifiziert werden.

Brecht war Marxist und davon überzeugt, dass gerade die gesellschaftlichen Verhältnisse den Menschen in seinem Bewusstsein wesentlich beeinflussen würden. Sein „Episches Theater“ wollte den Menschen daher nicht von einem Leidensdruck befreien, sondern durch die Konfrontation mit ungelösten Fragestellungen einen Reflektionsprozess auf der Seite des Publikums auslösen. Aus der Identifikation im klassischen Theater sollte also eine kritische Haltung des Zuschauers gegenüber dem Bühnengeschehen werden.

Ein formaler Aspekt dieser Theorie ist die Aufgabe der geschlossenen Form des Dramas zugunsten einer offenen, in der Szenen locker aneinandergereiht werden. Die nur locker verknüpften Szenen sollten gesellschaftliche Geschehnisse vorführen und auf der Seite des Zuschauers eine gesellschaftliche Einsicht erwirken.

Daraus resultierte der Modellcharakter dieses Theaters: Aus einem Einzelfall soll auf allgemeine, gesellschaftliche Mechanismen geschlossen werden (Induktion). Um dieses Ziel zu erreichen, bediente sich Brecht des sogenannten V-Effekts (kurz für Verfremdungseffekt). Der wesentliche Gedanke, der hinter dem V-Effekt steht, ist die schon angesprochene Vermeidung der Identifikation des Publikums mit der Handlung auf der Bühne. Der Zuschauer sollte dadurch gezwungen werden, einen Standpunkt außerhalb der dargestellten Handlung zu beziehen. Die Mittel für das Gelingen des Effektes waren Prologe, Kommentare, Songs und Zwischentexte.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Brecht mit seinem Konzept des Dramas nicht mehr die Gefühle des Menschen ansprechen wollte, sondern auf den Verstand und das Erkenntnisvermögen des Menschen zielte. Der so angesprochene Zuschauer sollte durch die Beobachtung der Handlung die Erkenntnis gewinnen, dass die bestehenden gesellschaftlichen Zustände ungerecht seien. Im besten Fall sollte er aus dieser Erkenntnis auch eine Handlungsmaxime ziehen. Die Veränderung der Handlungs- und Denkweisen des Zuschauers stand bei Brecht unter dem Diktum des Marxismus.

Die Parabelform des Dramas

Parabel meint nichts anderes als Gleichnis. Dieses Gleichnis soll eine bestimmte Wahrheit anhand eines Einzelfalls vorführen. Der Zuschauer soll aus dem dargestellten Einzelschicksal Rückschlüsse auf seine eigene Denk- und Handlungsweise und gesellschaftliche Zustände ziehen. Die Parabel soll dabei für eine sittliche oder gesellschaftliche Idee werben. Das ist ein Gegensatz zu Brechts Konzept, denn dieser versuchte mit seinem Theater, die für ihn „richtige“ ideologische Position des Marxismus durchzusetzen. Frisch bietet hingegen nur eine Art der Wirklichkeitswahrnehmung an, ohne den brechtschen Anspruch der Agitation zu übernehmen.

Daher verwendete Frisch zur Beschreibung von „Andorra“ auch nicht den Begriff „Parabel“, sondern „Modell“, da er nicht den Anspruch hatte, eine bestimmte Weltanschauung zu vermitteln. Vielmehr wollte er beispielhaft allgemeine Verhaltensweisen aufzeigen und am Ende zu einem moralischen Appell gelangen, der frei von jeder politischen Färbung ist. Brecht und Frisch ist aber gemein, dass beide aufseiten des Zuschauers einen Reflektionsprozess einleiten wollten, der zu einer veränderten Handlungsweise der Menschen führen sollte.

Die klassische Dramenform

Andorra“ ist in zwölf Bilder unterteilt, die die Entwicklung Andris nachzeichnen. Im Text wird außerdem die Vorgeschichte aufgearbeitet. Die einzelnen Bilder sind durch Vordergrundszenen unterbrochen. In diesen beteuern die verschiedenen Andorraner ihre Unschuld (nach den Bildern 1, 2, 3, 6, 7, 9, 11), in einer Szene findet ein Gespräch zwischen der Senora und dem Lehrer statt (nach dem 8. Bild), und eine Szene zeigt die schwarzen Soldaten (nach dem 10. Bild), die hin und her patrouillieren.

Die Szenen lassen sich ...

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