Freundschaft und Außenseitertum

Der Außenseiter Stanley Yelnats

Der gehänselte Junge

Vor seiner Zeit im Camp Green Lake ist Stanley ein Außenseiter, der keinen einzigen Freund besitzt. Er ist übergewichtig und wird dafür von seinen Klassenkameraden  gehänselt und gedemütigt, selbst „seine Lehrer machten manchmal irgendwelche grausamen Bemerkungen, ohne es zu merken“ (S.11). Seine liebevollen und verständnisvollen Eltern sind die Einzigen, die ihm Halt geben – auch wenn sie gleichaltrige Freundschaften natürlich nicht ersetzen können.

Besonders einer seiner Klassenkameraden, Derrick Dunne, verwandelt Stanleys Schulalltag tagtäglich in eine regelrechte Tortur. Auf Unterstützung durch die betreuenden Lehrkräfte kann Stanley jedoch nicht hoffen, sie nehmen seine Probleme und das Mobbing an seiner Person nicht wahr: „Manche Lehrer schienen es sogar witzig zu finden, dass ein kleiner Junge wie Derrick es ausgerechnet auf ein Riesenbaby wie Stanley abgesehen hatte.“ (S.32) Am Tag von Stanleys Verhaftung hat Derrick beispielsweise Stanleys Hausaufgabenheft ins Jungenklo geworfen (S.32) – eine Demütigung, die Stanley selbst nach seiner Zeit im Camp Green Lake noch „peinlich“ (S.285) ist.

Die Außenseiterrolle, die Stanley in seiner Schule bekleidet, bleibt für sein seelisches Wohlergehen nicht ohne Konsequenzen. Die ständigen Demütigungen, die Tatsache, dass er keinen einzigen Freund hat, und die fehlende Aussicht darauf, dass sich seine Situation in absehbarer Zeit wieder ändern wird, machen ihn zu einem tiefunglücklichen Jugendlichen ohne jegliches Selbstvertrauen: „Es kam ihm in den Sinn, dass er sich nicht daran erinnern konnte, wann er das letzte Mal glücklich gewesen war. Es war ja nicht so, dass sein Leben erst so jammervoll geworden war, als er nach Camp Green Lake kam. Er war ja schon vorher unglücklich gewesen, als er noch zur Schule ging, wo er keine Freunde hatte und wo Ekel wie Derrick Dunne es immer auf ihn abgesehen hatten. Keiner konnte ihn leiden und ehrlich gesagt mochte er sich auch selbst nicht leiden.“ (S.236)

Der schüchterne und vorsichtige Junge

Stanleys langes Außenseitertum trägt seine Früchte, als er schließlich ins Camp Green Lake kommt. Schon vor seinem Haftantritt hofft er darauf, im Camp Freunde zu finden (S.11). Er bemüht sich dann  so sehr um die Anerkennung der anderen Jugendlichen, dass er seine eigenen Bedürfnisse und seine Persönlichkeit zurückstellt. Er akzeptiert ohne größere Einwände, dass er jeden seiner Funde, die ihm einen freien Tag einbringen könnten, an den Anführer X-Ray abtreten soll (S.70), und verzichtet darauf, seine Meinung freigiebig zu äußern, um niemanden zu verärgern: „Stanley sprach selten. Aus Angst, etwas Falsches zu sagen, redete er mit keinem der Jungen mehr als das Nötigste.“ (S.107).

Da Stanley anfangs zu schüchtern ist, um seine wahre Persönlichkeit zu zeigen, findet er auch im Camp Green Lake keine richtigen Freunde. Er hat ständig Angst, dass die anderen Jungs ihn nicht als einen von ihren akzeptieren können, und versteckt seine wahren Gedanken und Gefühle vor ihnen. Er schreibt seiner Mutter beispielsweise deshalb immer im Geheimen, weil er sich vor dem Spott der anderen fürchtet (S.104). Stanley fügt sich der Gruppendynamik so sehr, dass er Zero zu Beginn des Romans verkennt. Er bezeichnet ihn als einen „Niemand“ (S.104) und weigert sich, ihm das Lesen und Schreiben beizubringen (S.106).

Erst durch die Freundschaft mit Zero kann sich Stanley nachhaltig aus seiner Außenseiterrolle befreien: Er wird durch sie selbstbewusster und legt nicht mehr so viel Wert auf die Anerkennung einer Gruppe. Am Ende des Romans, als er mit Zero auf „Gottes Daumen“ Zuflucht gefunden hat, kann er sich zum ersten Mal selbst leiden (S.236).

Der Außenseiter Zero (Hector Zeroni)

Das Straßenkind

Zero wächst unter gänzlich anderen Bedingungen als sein späterer Freund Stanley auf, aber auch er ist jahrelang in der Rolle eines Außenseiters gefangen. Bei ihm sind es nicht so sehr einzelne Personen, sondern vielmehr die Gesellschaft als Ganzes, die ihn abstößt. Zero ist schon als kleines Kind mit seiner Mutter auf der Straße gelandet, auf der sie sich nur mit regelmäßigen Diebstählen am Leben erhalten konnten (S.232).

Als Zeros Mutter eines Tages gar nicht mehr zu ihrem Sohn zurückkehrt, ist Zero gänzlich auf sich allein gestellt (S.246). Er wartet über einen Monat lang in einem öffentlichen Park vergebens auf die Rückkehr seiner Mutter (S.247). Die erwachsenen Parkbewohner betrachten ihn mit Misstrauen und Abscheu, keiner hilft dem kleinen Jungen: „Ich wusste, dass ich nicht dazugehörte (…). Da war so eine Mutter, die starrte mich die ganze Zeit an, als ob ich ein Monster wäre oder so was. Später kam ein Junge und fragte mich, ob ich ein Stück Kuchen wollte, aber dann hat diese Mutter zu mir gesagt: ‚Geh weg!‘ und hat allen Kindern gesagt, sie dürfen nicht zu mir gehen.“ (S.248).

Niemand

Da Zero nicht in staatliche Obhut geraten möchte, ist niemand für den kleinen Straßenjunge...

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