Wiener Moderne

Nach der militärischen Niederlage gegen Preußen 1866 sowie der Auflösung des Deutschen Bundes konstituiert sich 1867 die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn. Franz Joseph ist als doppeltes Staatsoberhaupt zugleich auch Kaiser von Österreich und König von Ungarn. Die Vielzahl an Völkern, Kulturen, Sprachen und Religionen in dem Habsburgerreich verursacht aber schnell wachsende nationale, wirtschaftliche und gesellschaftliche Spannungen. Politische Kompromisse und Notlösungen führen in die Krise und später zu dem Untergang der Donaumonarchie.

Wien zählt 1900 fast zwei Millionen Einwohner und zieht künstlerische Talente aus dem gesamten Reich an. Die Stadt erlebt eine Blütezeit in der Musik, der Malerei, der Architektur, der Philosophie und der Literatur. Der Kulturbetrieb in der österreichischen Hauptstadt zwischen etwa 1890 und 1910 wird als „Wiener Moderne“ bezeichnet.

Die „Wiener Moderne“ bildet in der Literatur einen Oberbegriff und kennzeichnet die Produktion der Schriftsteller in Wien in der Umbruchszeit der Jahrhundertwende. Die Schriftsteller werden  damals durch vielfältige, teils sich widersprechenden europäischen Kunstströmungen in Europa beeinflusst: Ästhetizismus[1], Impressionismus (siehe weiter unter Abschnitt  Impressionismus), Jugendstil[2], Symbolismus[3], Dekadenz[4] oder Neuromantik (siehe weiter unter Abschnitt Neuromantik). Die „Wiener Moderne“ ist ein Teil der literarischen der „Moderne“ (siehe unter Abschnitt “Moderne“) und charakterisiert sich als Gegenströmung zum Naturalismus.

Die Wiener Moderne wird auch als "Kaffeehausliteratur" bezeichnet, weil die Autoren sich regelmäßig in Cafés zusammen mit anderen Künstlern treffen, um miteinander zu diskutieren und Feuilletons oder fragmentarische Texte zu verfassen. Es entstehen verschiedene Gruppierungen[5] von Intellektuellen, die sich in bestimmten Cafés versammeln und einander inspirieren.

Die Autoren lehnen die konservative Kunst und Kultur des Kaiserreichs ab und entwickeln eine Vielzahl neuer Stile und Formen im Anschluss an die Moderne. Die Wiener Moderne ist eng mit dem „Fin de Siècle“ (frz. für „Ende des Jahrhunderts“) verknüpft. Die politische Instabilität überträgt sich auf das  pessimistische Lebensgefühl der Künstler, die den kulturellen Verfall, die Dekadenz und den Tod zu künstlerischen Elementen in ihren Werken erheben und thematisieren. Aufgrund der Zensur müssen viele der jungen Autoren ihre Werke in Deutschland veröffentlichen.

Großen Einfluss auf die Schriftsteller übt der Begründer der Psychoanalyse, der Wiener Psychologe Sigmund Freud, aus, dessen Buch und Traumtheorie ("Traumdeutung") 1899 erscheint. Freund  befasst sich mit der Erforschung des Unbewussten und legt die Grundlage für viele Werke der Wiener Moderne. Die Autoren porträtieren und kritisieren die zeitgenössische Wiener Gesellschaft. Zentrale  Motive der Dichtung sind das komplizierte Innenleben und die Kommunikationslosigkeit des Menschen. In vielen Texten rücken die Motive der Identitätskrise, der Verzweiflung, der Unsicherheit und der Hilflosigkeit des Menschen angesichts der unsicheren zeitlichen Umstände in den Vordergrund. Der innere Monolog kommt in den modernen Romanen bewusst zum Einsatz, um tiefe Einblicke in das geistige und seelische Leben der Figuren zu vermitteln.

Bedeutende Autoren der Wiener Moderne sind Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal, Hermann Bahr, Rainer Maria Rilke und Stefan George.

Bezeichnung

Wiener Moderne 1890-1910

Wichtige Werke

Leutnant Gustl (1900)

Reigen (1903 - zwischen Realismus und Wiener Moderne)

Die Verwirrungen des Zöglings Törleß (1906)

Fräulein Else (1924 - Spätwerk)

Traumnovelle (1925 - Spätwerk) 

Merkmale

  1. Nationale, wirtschaftliche und gesellschaftliche Spannungen 
  2. Gegenströmung zum Naturalismus
  3. Einfluss von mehreren zeitgenössischen Strömungen: Ästhetizismus, Impressionismus, Jugendstil, Symbolismus, Dekadenz und Neuromantik 
  4. Gruppierungen von Intellektuellen in der Hauptstadt Österreichs
  5. Krise der Sprache und des Bewusstseins 
  6. Das komplexe Innenleben des Individuums
  7. Verfall, Dekadenz und Tod
  8. Auseinandersetzung mit der Sexualität

 

 


[1] Kunstanschauung, die im Schönen den höchsten Wert sieht. L’art pour l’art, Kunst ist Selbstzweck. (Vertreter: u.a. Stefan George)

 

[2] Die Autoren sind bestrebt, in ihren Werken durch die Wahl der Kulisse, des Aufbaus, des Rhythmus und der Motive mit Eleganz und Einheit den ornamentalen und dekorativen Stil des Jugendstils in ihre Werke einzuführen (Vertreter u.a. Rainer Maria Rilke und Stefan George).

 

[3] Die Symbolisten vermitteln ihre Aussagen über Symbole, Metaphern und Umschreibungen (Vertreter u.a. Stefan George). 

 

[4] Dekadenz bezeichnet das Bewusstsein, in einer Endzeitepoche zu leben. Als wesentliches Merkmal gilt folglich eine pessimistische Verfalls- und Untergangsstimmung, die sich in zahlreichen Werken nachweisen lässt (Vertreter u.a. Thomas Mann).

 

[5] Die Gruppe Jung-Wien um Hermann Bahr, Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal und Peter Altenberg trifft sich z.B. regelmäßig im Café Griensteidl.