Die Lyrik

Die Bewegung des „Sturm und Drang“ ist eine radikale Alternative zum rationalistischen Literaturverständnis der Aufklärung. Sie geht aus der kulturskeptischen Haltung junger Männer hervor, die das Fehlen großer Kunstwerke und Leistungen in ihrer Zeit bemängeln und dadurch eine Minderwertigkeit der Gegenwart gegenüber vorangegangenen Epochen feststellen. Die Stürmer und Dränger sind bestrebt, die deutsche Dichtung von der Kulturdominanz Frankreichs und allen rational motivierten Regeln zu befreien. Als Ideal sehen sie eine offene Form der Dichtung und den Künstler als Genie, welches aus sich selbst heraus schafft. Die Kunst wird von einem Anspruch auf gesellschaftliche Nützlichkeit zugunsten ihrer Intensität und Popularität befreit. Dementsprechend ist die Erlebnislyrik eine typische Form der Dichtung des „Sturm und Drang“. Das lyrische Ich berichtet unmittelbar von seinem Erlebnis. Die Unmittelbarkeit des Gefühls und das spontan gesprochene Wort stehen dabei im Vordergrund und werden besonders durch Ausrufe und abgebrochene Sätze betont. Begriffe wie Herz, Schmerz, Natur, Abend, Nacht, Freundschaft, Liebe und Einsamkeit sind charakteristisch für die Lyrik dieser Bewegung. Dies spiegelt die entscheidenden Leitdifferenzen zwischen dem „Sturm und Drang“ und dem französischen Rationalismus wider: Natur statt Kultur, Genie statt Regeln, Wirklichkeit statt Theorie und Leben statt Lesen.

Die klassische Lyrik

Die Epoche der Klassik kann als der Zeitraum der intensiven zehnjährigen Zusammenarbeit zwischen Goethe und Schiller beschrieben werden. Sie beginnt mit Goethes Italienreise und endet mit dem Tod Schillers. Charakteristisch dafür ist die Neuentdeckung der Antike. Johann Joachim Winckelmann ernennt die antike Kunst mit ihrer Einfachheit, Proportion und Harmonie zum allein gültigen Vorbild. Die antiken Stoffe werden dichterisch neu aufbereitet.

Die Kunst wird als ein Mittel verstanden, im Menschen Toleranz und Harmonie hervorzurufen. Sie gilt als die Vermittlerin einer höheren Ordnung, die den Menschen aus dem Triebhaften und Natürlichen befreit und ihm seine höhere Bestimmung vor Augen führt. Jedoch geschieht dies allein durch die Rezeption. Die Kunst soll keine Affekte oder Lehren vermitteln, sondern ihren Zweck nur in sich selbst beinhalten. Als Ideal gilt die Humanität. Jeder Einzelne soll sich der Gemeinschaft gegenüber verantwortlich fühlen.

Nationalistisch-engstirnige Denkweisen werden abgelehnt. Der Mensch wird als ein Vernunftwesen verstanden, das sein Handeln nach freiem Willen gestaltet, sich jedoch einem übergeordneten Moralgesetz unterstellen muss. Das Gutsein des Menschen bekommt dadurch den Charakter einer individuellen Leistung oder Entscheidung. Auch die Demut und Ehrfurcht vor der Gottheit wird zu einer bedeutenden Thematik. Die Begrenztheit des Menschen zwischen den Polen des Irdischen und des Göttlichen soll erneut wachgerufen werden.

Es wächst das Bedürfnis nach Gesetz, Maß und Regel auch innerhalb der Dichtung. In der Lyrik kommen wieder antike Formen wie Hymne, Elegie oder Ode zur Geltung. Auch antike Metren wie Distichon oder Hexameter finden erneut Verwendung.  Außerdem vermitteln Goethe und Schiller dem einfachen Volk ihr idealistische Kunstverständnis in Form der volkstümlichen Ballade. Als Beispiele für die Lyrik der Klassik können die philosopischen Gedichte Schillers gelten, in denen kunsttheoretische Überlegungen dargestellt werden. Goethes Gedichte wirken im Vergleich zu seinem vorherigen Schaffen ausgeglichener. Beispiele dafür sind „Grenzen der Menschheit“ und „Das Göttliche“.