Naturalismus

Der Naturalismus (1880–1900) ist eine europäische Protestbewegung, die sich vor allem gegen den ihm vorausgehenden Realismus richtet. Die Schriftsteller des Realismus (und besonders des deutschen ‚bürgerlichen Realismus‘) bemühen sich ebenfalls um eine objektive Beobachtung und exakte Darstellung der Wirklichkeit, lehnen aber die Schilderung von Hässlichkeit und Elend als unkünstlerisch ab.

Währenddessen schreiten die Industrialisierung und Urbanisierung voran. Das vermögende Bürgertum häuft Kapital an, in den Städten bildet sich dagegen eine im Elend versinkende Unterschicht, das Proletariat. Die soziale Ungleichheit und die elenden Lebensumstände dieser wachsenden Bevölkerungsgruppe werden in den Werken des Realismus, der die bürgerliche Lebenswelt ins Zentrum rückt, nicht thematisiert.

Das Ziel des Naturalismus ist nun darauf ausgerichtet, die negativen Aspekte der Wirklichkeit zu schildern. Die Realität soll in all ihrer Härte, ihrer Hässlichkeit und den bestehenden sozialen Missständen (Alkoholismus, Prostitution, Wahnsinn, moralischer Verfall des Bürgertums und Elend der Unterschicht) möglichst wahrheits- und naturgetreu – bzw. wissenschaftlich exakt – dargestellt werden. Die Sprache der Figuren soll der Sprechweise echter Menschen entsprechen. Alltagssprache, Dialekte, individuelle oder schichtspezifische Sprechweisen werden phonografisch genau wiedergegeben. In den Romanen wird der Sekundenstil angewendet, d. h. die erzählte Zeit ist identisch mit der Erzählzeit. Sinneswahrnehmungen oder Bewegungen werden sekundengenau geschildert, banale Details werden penibel wiedergegeben.

Die Zeit, in der der Naturalismus entsteht und blüht, ist geprägt von bahnbrechenden technischen Errungenschaften und wissenschaftlichen Erkenntnissen, die auf genauen Beobachtungen beruhen. Der Erfolg der Wissenschaft lädt dazu ein, ihre Prinzipien auf die Literatur zu übertragen. 

Der tief greifende Unterschied zwischen dem Realismus und dem Naturalismus besteht in der Unvereinbarkeit ihrer Menschenbilder. Während die Realisten dem Menschen noch einen freien Willen und Autonomie zuerkennen, beschreiben die Naturalisten den Menschen dagegen als ein Wesen, das durch die Faktoren des biologischen Erbes und der sozialen Lebensumstände bestimmt ist. Die naturalistischen „Helden“ sind durch die ökonomisch-sozialen Verhältnisse und Milieueinflüsse determiniert. Da die Charaktere ihre Leiden und ihre Verkommenheit nicht selbst verschuldet haben, sondern durch die äußeren Umstände in ihre Situation gebracht worden sind, verdienen sie Verständnis und Mitleid.   

Die Lyrik des Naturalismus behandelt meistens die Großstadtproblematik und soziale Fragen und ist stilistisch durch den Verzicht auf Reim und Metrik charakterisiert. Das wichtigste und bekannteste Ausdrucksmittel der Naturalisten ist jedoch das Drama. Das naturalistische Drama rückt die Darstellung der Charaktere ins Zentrum und erntet dafür Kritik, weil die Handlung und das Dramatische zur gleichen Zeit reduziert werden.

In Deutschland wird der Naturalismus von 1880 bis ins 20. Jahrhundert hinein von zumeist kleinen Literatengruppen in Berlin und München entwickelt. Bedeutende deutsche Vertreter sind unter anderen Gerhart Hauptmann, Arno Holz, Johannes Schlaf und Michael Konrad.

Merkmale

  • Quasi-wissenschaftliche Darstellung der Realität
  • Der Mensch wird bestimmt durch Milieu und Erbanlage
  • Beschreibung der negativen Seiten der Wirklichkeit
  • Städtisches Umfeld
  • Sekundenstil, Dialekte und individuelle Sprechweisen
  • Soziales Mitgefühl

Wichtige Werke

Bahnwärter Thiel (1888)

Vor Sonnenaufgang (1889)

Die Weber (1892)

Die Ratten (1911)