Moderne

Im frühen 20. Jahrhundert erschüttern mehrere neue wissenschaftliche Theorien das bisherige Weltbild und die traditionellen Werte in ihren Grundfesten: Max Plancks Strahlungsgesetz und seiner Quantenformel verursachen 1900 eine Revolution des Denkens in der Physik. Der Wiener Psychologe Sigmund Freud veröffentlicht 1901 seine Traumtheorie ("Traumdeutung"), die sich mit der Erforschung des Unbewussten befasst. 1905 verblüfft Albert Einstein die Welt mit seiner Relativitätstheorie. Die neuen veröffentlichten Erkenntnisse werden von den Künstlern und Literaten aufgegriffen und verarbeitet.  Die Kunst sucht nach neuen Wegen, um diesen Umbruch und Übergang zu bewältigen. 

Die Literatur erlebt um die Jahrhundertwende eine wahre Explosion von Experimenten mit neuen Erzählkonzepten und -techniken. Die Schriftsteller ersetzen die nüchterne und realistische Erzählweise des Naturalismus durch innovative Stilmittel, um subjektive Sichtweisen ins Zentrum ihrer Werke zu rücken. Es entwickelt sich eine Vielfalt sehr verschiedener literarischer Bewegungen:  Ästhetizismus[1], Impressionismus (siehe weiter unter Abschnitt Impressionismus), Jugendstil[2], Symbolismus[3], Dekadenz[4], Dadaismus (siehe weiter unter Abschnitt Dadaismus), Neuromantik (siehe weiter unter Abschnitt Neuromantik) und Expressionismus (siehe weiter unter Abschnitt Expressionismus).

Der Begriff der Moderne spiegelt diesen Stilpluralismus wider und bezeichnet als Sammelbegriff die verschieden künstlerischen und literarischen Strömungen, die zwischen 1890 und 1925 teilweise parallel und teilweise nacheinander übergreifend in Europa verlaufen. Die Zentren der Aufbruchsbewegung der „Moderne“ sind in bestimmten Zeiträumen in Berlin, München und Wien zu finden, wobei bezeichnende regionale Unterteilungen, wie „Berliner Moderne“ oder „Wiener Moderne“ (siehe weiter unter Abschnitt Wiener Moderne), entstehen.

Die Sprachkrise der Jahrhundertwende stellt ein wichtiges Motiv der Moderne dar. Die Autoren stellen die traditionelle Sprache immer mehr infrage. Sie wenden sich gegen starre Regeln und Gedanken. Sie experimentieren mit Themen, Stilmitteln und Erzähltechniken und suchen nach neuen Darstellungsmöglichkeiten. Die Sprachlichkeit gewinnt im Vergleich zum Inhalt an Bedeutung und rückt oft ins Zentrum der Werke.  Die Vertreter der Moderne jonglieren zum Beispiel in ihren Romanen mit spezifischen Erzählweisen und Techniken, wie dem Wechsel der Erzählperspektive, den inneren Monologen oder der Montage- und Collagetechnik.

Die Jahrhundertwende ist von einer pessimistischen Weltsicht und Verfallsstimmung kennzeichnet, die sich gleichzeitig in einem starken Lebensüberdruss und einer Genusssucht ausdrückt. Das Gefühl der Machtlosigkeit des Niedergangs und der Dekadenz taucht häufig in den modernen Erzählungen auf. Die Figuren sind oft mit einer eingeschränkten Perspektive auf die Welt ausgestattet, die meistens zu ihrem Untergang führt.

Bedeutende Vertreter des modernen Romans sind neben Max Frisch unter anderem Thomas Mann, Heinrich Mann, Hermann Hesse Hugo von Hofmannsthal, Rainer Maria Rilke, Franz Kafka, Frank Wedekind, Hugo von Hofmannsthal, Robert Musil, Virginia Woolf, Alfred Döblin und Marcel Proust.

Wichtige Werke

Frühlings Erwachen (1891)

Buddenbrooks (1901)

Chandos-Brief (1902)

Professor Unrat (1905)

Werke des Impressionismus, Neuromantik, Wiener Moderne und Expressionismus

Merkmale

  • Gegenbewegung zu Naturalismus und Realismus
  • Versuch, den zeitlichen Umbruch widerzuspiegeln
  • Sammelbegriff für mehrere literarische Strömungen: Ästhetizismus, Impressionismus, Jugendstil,  Symbolismus, Dekadenz. Neuromantik und Expressionismus
  • Sprachlichkeit und Kommunikationslosigkeit im Fokus
  • Verfall, Dekadenz und Tod
  • Krise der Sprache und des Bewusstseins
  • Das komplexe Innenleben des Individuums im Fokus
  • Auseinandersetzung mit der Sexualität

[1] Kunstanschauung, die im Schönen den höchsten Wert sieht. Kunst ist Selbstzweck (L’art pour l’art) / Vertreter: u.a. Stefan George (1868-1933)

[2] Die Autoren sind bestrebt, in ihren Werken durch die Wahl der Kulisse, den Aufbau, den Rhythmus und die Motive mit Eleganz und Einheit den ornamentalen und dekorativen Stil des Jugendstils in ihren Werken nachzuahmen (Vertreter u.a. Rainer Maria Rilke und Stefan George)

[3] Die Symbolisten vermitteln ihre Aussagen über Symbole, Metaphern und Umschreibungen (Vertreter u.a. Stefan George). 

[4] Dekadenz bezeichnet das Bewusstsein, in einer Endzeitepoche zu leben. Als wesentliches Merkmal ist folglich eine pessimistische Verfalls- und Untergangsstimmung kennzeichnend, die sich in zahlreichen Werken ausmachen lässt (Vertreter u.a. Thomas Mann).