Expressionismus

Der Expressionismus lässt sich in drei Phasen unterteilen: Den Frühexpressionismus von circa 1905-14, den Kriegsexpressionismus von 1914-18 und den Spätexpressionismus von 1918-25. Den historischen Hintergrund bilden der Erste Weltkrieg (1914-1918), die Novemberrevolution (1918), der Versailler Friedensvertrag (1919), die Weimarer Republik (1918-1933), die fortschreitende Industrialisierung, die Inflation und die sozialen Probleme.

Der Frühexpressionismus endet mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs 1914. Der Kriegsexpressionismus wird 1918 von der Novemberrevolution abgelöst. Die Spätphase des Expressionismus läuft um die Mitte der 1920 Jahre langsam aus.

Wien und Berlin bilden in Deutschland die Zentren des Expressionismus. Die Protestbewegung ist durch antibürgerliche und antinationalistische Einstellungen gekennzeichnet, verfügt über eigene Zeitungen, aber hat kein einheitliches Programm oder einheitliche politische Ziele formuliert. Sie will eine innere Erneuerung des Menschen erreichen und fokussiert sich auf die Darstellung des subjektiven Erlebens. Etwas sollte geschehen, aber den Anspruch, einen neuen Menschen zu schaffen, konnte der Expressionismus nie einlösen.

Die jungen bürgerlichen Autoren richten ihre Kritik gegen eine erstarrte, heuchlerische und heruntergekommene Gesellschaft. Die Motive des psychischen und körperlichen Verfalls, von Krankheit, Tod, Untergang, Wahnsinn oder Selbstmord, spiegeln die apokalyptische zeitgenössische Stimmung in den expressionistischen Texten wider.

Die Schriftsteller thematisieren das Ende der Welt, den Verlust der Persönlichkeit und die Suche nach dem Sinn des Lebens. Auch die gesellschaftlichen Machtmechanismen und die Großstadtproblematik (Enge, Hektik, Isolation und Anonymität) in Bezug auf die wachsende Industrialisierung werden heftig kritisiert.

Die grausame Realität wird in provokativer, schockierender und schonungsloser Weise dargestellt. Sie wird nicht nur abgebildet, sondern irrational rekonstruiert. Die Expressionisten drücken in ihren Werken ihre innerlich erlebte Wahrheit, ihre Ängste, ihre Erlebnisse und ihre subjektiven Eindrücke aus. Sie beschäftigen sich zum Beispiel mit Traumdeutung, Unterbewusstsein, Kommunikationsproblemen und Generationskonflikt, so z.B. auch mit der Vater-Sohn-Beziehung. Mehrere Autoren ahnen die kommende Kriegskatastrophe voraus.

Vor dem Ersten Weltkrieg ist die Protestbewegung ästhetisch orientiert und die Lyrik herrscht am Anfang der Periode vor. Der grausame bewaffnete Weltkonflikt ändert dieses Bild: Die Ausrichtung des Expressionismus wird politischer. Nach dem Krieg verspüren die Autoren Sehnsucht nach einer besseren Welt und wünschen sich Pazifismus. Drama, Roman und epische Kurzformen werden als Ausdrucksmittel vorgezogen.

Die expressionistische lyrische Sprache setzt sich oft über die grammatischen und stilistischen Normen hinweg, zertrümmert die sprachlichen Strukturen, erschafft neue Wortbedeutungen und nutzt Pathos und Ekstase dazu, um düstere Bilder und Visionen zu kreieren. Sie verwendet oft den Reihungs- oder Simultanstil, um die Sinneseindrücke der Wirklichkeit aneinandergereiht wiederzugeben. Dadurch wird u. a. verdeutlicht, wie schnell sich in der industrialisierten Großstadt die Ereignisse häufen und wie bedeutungslos der einzelne Mensch sich dabei fühlt.

Die literarische Prosa des Expressionismus ist häufig in Kurzformen verfasst. Der expressionistische Stil verkörpert einen radikalen Bruch mit allen bisherigen Literaturepochen. Es wird oft eine deskriptive, ausdrucksstarke, sachliche und nüchterne Sprachweise bevorzugt. Eine ausgeprägte Farbsymbolik und Metaphern werden häufig verwendet.

Bedeutende Vertreter des Expressionismus sind unter anderem: Heinrich Mann, Robert Musil, Franz Kafka, Alfred Döblin, Jakob von Hodis, Else Lakser-Schüler, Gottfried Benn und Georg Trakl.

Bezeichnung

Expressionismus 1905-1925    

Wichtige Werke

Professor Unrat (1905)

Der Verschollene (1911/1914)

Die Verwandlung (1912 / 1915) 

In der Strafkolonie (1914)

Der Prozess (1914 /1915)

Merkmale

  • Subjektive Darstellung des Verfalls, der Sinnlosigkeit und des Untergangs
  • Motive des Verfalls, der Krankheit, des Tods, des Wahnsinns
  • Neu erfundene und ausdrucksstarke Sprach- und Stilmittel
  • Protest gegen die Entfremdung des Menschen durch Militarismus und Industrialisierung
  • Änderung der Themen und literarischen Gattungen vor und nach dem Krieg