Empfindsamkeit

Zeitlich fällt die literarische Periode der Empfindsamkeit (circa 1720-1790) mit der Periode der Aufklärung (1740-1790) zusammen, ist aber kürzer und dauert nur ungefähr ein halbes Jahrhundert. Sie ist mit ihr inhaltlich eng verknüpft, aber zugleich sehr verschieden von ihr. Die Anhänger beider Strömungen berufen sich auf die Morallehre und Vernunft der Aufklärung und wenden sich gegen die Vorherrschaft von Adel und Klerus.

Doch ist die Empfindsamkeit eine Reaktion auf den starken Rationalismus der Aufklärung. Ihre Autoren betrachten Emotionen nicht als einen Makel, sondern im Gegenteil als ein hilfreiches Mittel, sich persönlich und sozial weiterzuentwickeln. Sie schildern daher vorwiegend das Privatleben von sittsamen, gefühls- und mitgefühlsbetonten Menschen.  Tugendhaftigkeit und Mitleid sind en vogue. Die Empfindsamkeit wird vor allem von der Bewegung des Pietismus beeinflusst, die sich auf eine tiefe Frömmigkeit und aktive Nächstenliebe beruft und sich damit gegen den zeitgenössischen Dogmatismus der klassischen Theologie wendet.

Die Wurzeln der Strömung sind hauptsächlich in England zu finden. Autoren, wie Lord Shaftesbury, Samuel Richardson, Oliver Goldsmith, Richard Steele und Samuel Hutchinson üben einen bedeutenden Einfluss in fast allen europäischen Ländern aus. In ihren Werken dient die sinnliche Wahrnehmung als Grundlage für das vernünftige Erkennen. Mitgefühl, Liebe und Zärtlichkeit führen zu moralischem Handeln. Auch in Frankreich ist die Bewegung zum Beispiel in Form rührender Lustspiele (Comédies larmoyantes) sehr präsent.

Der deutsche Name der Strömung stammt von der Übersetzung des Titels von Laurence Sternes‘ Roman A Sentimental Journey Through France and Italy (1768). Johann Joachim Christoph Bode übersetzte den Titel auf Vorschlag von Gotthold Ephraim Lessing hin mit Yoriks empfindsame Reise. Der Neologismus „empfindsam“ wurde dann nachfolgend charakteristisch für die Bezeichnung der gesamten Epoche.

In Deutschland erlebt die Gattung ihre Blütezeit zwischen 1840 und 1870. Sie wird durch die Moralischen Wochenschriften propagiert und nutzt alle literarischen Formen für die Vermittlung ihrer Überzeugungen. Besonders der Briefroman ist in dieser Periode sehr beliebt und erweist sich als optimales Medium für die Darstellung schwärmerischer Empfindungen, die den Leser zu Tränen rühren können.

Die wichtigsten deutschen Autoren und Dichter, die in Verbindung mit der Literaturperiode der Empfindsamkeit stehen, sind Friedrich Gottlieb Klopstock (1724-1803), Christian Fürchtegott Gellert (1715-1769) und Sophie von La Roche (1730-1807). Auch Johann von Goethes Die Leiden des jungen Werthers (1774) zeigt empfindsame Tendenzen. Die Gefühlsschwärmerei der Empfindsamkeit stellt den Vorläufer der rauschenden Leidenschaft der nachfolgenden Literaturströmung des Sturm und Drang dar.