Rezension

Der deutsche Kritiker Marcel Reich-Ranicki lobte 2005 in einem Interview Joseph Roth als einen „Meister der Beobachtung und der Beschreibung“. Auch heute noch, so Reich-Ranicki, verblüffe seine Prosa den Leser „durch die Anschaulichkeit und Exaktheit der Darstellung“. Dabei falle es schwer zu sagen, woher diese besondere Faszination rühre, denn Roth nutze klassische Erzählstrukturen und eine Form und Sprache, die durch ihre Einfachheit besteche. Roth „hat es seinen Lesern immer leicht und seinen Interpreten oft schwer gemacht“, stellte Reich-Ranicki bereits 1966 fest.

Die Geschichte einer armen jüdischen Familie, die mit viel Gottvertrauen und Demut schwere Schicksalsschläge erträgt, berührt auch heute noch, da sie ein Bild des Strebens des Menschen nach Glück und Harmonie skizziert. Die sechs Mitglieder der Familie verfolgen ganz unterschiedliche Lebensentwürfe, doch alle sehnen sich nach Sicherheit und Ruhe. Doch das Schicksal wird zu einer allmächtigen Kraft, die teilweise alle Bemühungen des Einzelnen im Sande verlaufen lässt. Und so schlägt das Pendel oft in nur kurzer Zeit zurück und alles, was mit viel Arbeit erreicht worden ist, scheint dahin.

Dennoch bleibt der Roman nicht auf dieser Ebene stehen. Er verdeutlicht vielmehr, dass der Weg nie zu Ende ist, solange man noch lebt. Selbst als Mendel nichts mehr vom Leben erwartet, sich von Gott abgewandt hat und resigniert nur noch von einem Tag zum nächsten lebt, ist die Möglichkeit eines Wunders und einer positiven Veränderung gegeben. Roth stellt damit klar heraus: Selbst dann, wenn ein Mensch nicht mehr über die Kraft für eine Veränderung verfügt, kann es eines Tages zu einer positiven Veränderung von außen kommen. Dies vermittelt dem Leser Hoffnung.

Die Figuren des Romans sind alle durch positive und negative Eigenschaften gekennzeichnet und wirken dadurch realer als die Figuren, deren Verhalten sich durch ihre Einseitigkeit so sehr vom Leben unterscheidet. Ihre Verschiedenartigkeit ermöglicht es dem Leser, kleine Elemente seines eigenen Charakters in ihnen wiederzuentdecken und zu reflektieren. Gerade ihre Natürlichkeit und Einfachheit zeigen, dass ihre Eigenschaften für die allgemeinmenschlichen Stärken und Schwächen stehen. Ihr Streben nach dem Glück ist eine tief verwurzelte Sehnsucht des Menschen. Dass es oftmals nicht möglich ist, dieses Glück zu erreichen, da das Schicksal scheinbar andere Pläne hat, ist die Essenz des Lebens. Somit berührt Roths Roman den Leser auf einer allgemeinmenschlichen Ebene und ermöglicht unabhängig von der dargestellten Zeit eine Betrachtung des Lebens, die auch heute nichts von ihrer Aktualität verloren hat.