Rezension

Goethes klassisches Versdrama von 1787 ist sprachlich und stilistisch besonders wohl formuliert. Die Umsetzung eines antiken Mythos in schriftliche Form schien dabei, betrachtet man den Entstehungshintergrund des Stücks und die zeitgenössischen Rezeptionen, auch für ein Genie wie Goethe nicht einfach zu sein. Doch die Tatsache, dass er trotz aller Schwierigkeiten konstant an „Iphigenie auf Tauris“ gearbeitet hat, sogar über einen Zeitraum von mehreren Jahren hinweg, macht deutlich, wie viel Potential und Faszination in dem antiken Sagenstoff steckt.

Tatsächlich ist Goethes Iphigenie eine komplexe Figur, die mit sich selbst – wenn auch unverschuldet – in einen inneren Konflikt gerät. Ihr Leiden, aber so auch gleichzeitig ihre Emanzipation und Errettung beginnt, als ihr Vater Agamemnon sie der Göttin Diane opfert, damit die Winde für sein Schiff nach Troja günstig stehen. Iphigenie muss ihre Heimat Griechenland verlassen, lebt nun als Priesterin auf der Insel Tauris unter dem Herrscher Thoas, der um Iphigenie wirbt, um sie für immer an sein Land zu binden und seine Herrschaft zu sichern.

Thoas versucht, Iphigenie zu instrumentalisieren, doch diese lässt sich nicht darauf ein. Die Sehnsucht nach ihrer Familie und ihrem Heimatland Griechenland beschäftigen sie und werden immer stärker. Ihr Pflichtgefühl hält sie jedoch zurück. Deutlich wird diese innere Zerrissenheit bereits im Eingangsmonolog der Protagonistin, und sie bleibt auch im restlichen Stück ein zentrales Thema.

Trotz aller Hindernisse zahlen sich Ehrlichkeit und Humanität als menschliche und gesellschaftliche Werte aus. Nicht primitive Gewalt löst ihr Problem, sondern Vernunft und Empathie. Iphigenie wird dabei nicht als unfehlbare Figur präsentiert, sondern durchlebt einen Entwicklungsprozess, den jeder im Leben ständig durchmachen muss. Iphigenie wächst an der Konfrontation mit ihren Problemen und kann diese letztendlich zu ihrem Wohl lösen.

Goethes „Iphigenie auf Tauris“ ist nicht nur ein Meisterwerk sprachlicher Versiertheit und Kunstfertigkeit, sondern bietet auch inhaltlich, trotz oder gerade wegen der übersichtlichen und gut überschaubaren Anzahl an Charakteren, viel Raum für Bearbeitungen, Analysen und Aufgaben am Text. Angefangen von der Analyse der Stilmittel bis hin zu Interpretationen und Übertragungen auf die Gegenwart. Das Gefühl von innerer Zerrissenheit zwischen persönlichen Zuneigungen, Wünschen und (gesellschaftlichen) Pflichten ist ein Thema, welches in der heutigen modernen Gesellschaft wohl aktueller und allgegenwärtiger ist denn je. Alleine aus diesem Grund empfiehlt sich „Iphigenie auf Tauris“ als Schullektüre.