Szenenanalyse Vor dem Tore

Die Klänge der Osterglocken haben Faust im letzten Augenblick aus seiner tiefen Verzweiflung gerettet. Die Dunkelheit, Verzweiflung und Enge, die die Szene „Nacht“ beherrschen, machen nun der Helligkeit, neuem Lebensmut und der Weite Platz. Die Bürger der Stadt ziehen zur Feier des Ostersonntags aus den Toren hinaus.

Die Bürger der Stadt

Nacheinander werden Bürger verschiedenster sozialer Stände und  Klientel vorgestellt: Handwerksburschen, Dienstmädchen, Bürgermädchen, Soldaten, Schüler und Bettler. Gesprächsthema bei den Handwerksburschen und Dienstmädchen ist vor allem die Liebe zum anderen Geschlecht, über die sich angeregt und in derber Sprache ausgetauscht wird.

Die Bürgermädchen beobachten missgünstig das Treiben zwischen den Handwerkern und den Dienstmädchen. Dass sich die „schönen Knaben“ (Z.832, S.27)  mit den niederen Dienstmädchen zufriedengeben, missfällt ihnen. Als sich eine alte Frau als Kupplerin für die Bürgermädchen anbietet, wehren diese entschieden ab: „Agathe, fort! Ich nehme mich in acht,/ Mit solchen Hexen öffentlich zu gehen; (...)“ (Z.876-877, S.29). Weder zwischen den unverheirateten Mädchen noch mit einer Kupplerin wollen sie sich  abgeben. Als Mädchen gehobeneren Standes wissen sie um die gesellschaftliche Missachtung, die ihnen damit zuteil würde. Damit wird schon hier auf das Schicksal Margaretes hingedeutet und mit der als „Hexe“ (Z.877, S.29) bezeichneten Kupplerin auf die bevorstehende Walpurgisnacht. Auch die Figur des Mephistopheles, der ebenfalls als 'böser' Kuppler zwischen Faust und Margarete fungiert, ist damit bereits vorweggenommen. 

Andeutung auf Margaretes Schicksal

Margaretes Schicksal, ihre Verführung und ihr Verlassenwerden werden auch mit dem darauf folgenden Soldatenlied angedeutet: „ (…) Das ist ein Stürmen!/ Das ist ein Leben!/ Mädchen und Burgen/ Müssen sich geben./ Kühn ist das Mühen,/ Herrlich der Lohn!/ Und die Soldaten ziehen davon.“ (Z.895-902, S.29). Das Lied verdeutlicht auch die Doppelmoral der patriarchalisch bestimmten Gesellschaft. Während die Männer die Frauen wie Burgen erobern dürfen, ist die weibliche Rolle passiv und ergeben. Im Vorausblick weist das Lied in diesem Zusammenhang eine eindeutige Parallele zu Margaretes Bruder Valentin auf: Als Soldat gleichen Schlages wird er Margaretes uneheliche Liebschaft zu Faust verurteilen und sie öffentlich dafür denunzieren.

Eine weitere Anspielung auf Margarete findet sich in dem Lied der Bauern, die die unsachte Begegnung zwischen Faust und Margarete vorwegnehmen: „Der Schäfer putze sich zum Tanz,/ Mit bunter Jacke, Band und Kranz,/ (…) Er drückte hastig sich heran,/ Da stieß er an ein Mädchen an/ Mit seinem Ellenbogen;/ Die frische Dirne kehrt' sich um/ Und sagte: Nun, das find' ich dumm! (…) Und tu mir doch nicht so vertraut!/ Wie mancher hat nicht seine Braut/ Belogen und betrogen! (...)“ (Z. 949-975, S.31).

Freude an der Natur

Faust tritt in diese Szenerie mit einem gewaltigen Monolog, indem er die durch den Frühling erwachte Natur begrüßt und preist: „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche/ Durch des Frühlings holden, belebenden Blick;/ Im Tale grünet Hoffnungsglück;/ Der alte Winter in seiner Schwäche,/ Zeigt sich in rauhe Berge zurück.(...)“ (Z.903-907, S.29). Symbolisch steht hier der Frühling für den Neubeginn nach der zuvor durchlittenen Verzweiflung der letzten Nacht. Mit diesem Gegensatz von Frühling und Winter wird die Grundproblematik der beiden Seelen, die in Fausts Brust wohnen, transportiert. Wie die Natur durch den Frühling von dem W...

Der Text oben ist nur ein Auszug. Nur Abonnenten haben Zugang zu dem ganzen Textinhalt.

Erhalte Zugang zum vollständigen E-Book.

Als Abonnent von Lektürehilfe.de, erhalten Sie Zugang zu alle E-Books.

Erhalte Zugang für nur 4,99 Euro pro Monat

Schon registriert als Abonnent? Bitte einloggen