Rezension

Unbestritten gilt Goethes „Faust I“ als eines der bedeutendsten Werke in der Geschichte der Weltliteratur. Seit seinem Erscheinen vielfach adaptiert, rezipiert und neu interpretiert, lässt sich anhand der Rezeptionsgeschichte vor allem eines ablesen: 'Faust I‘ als Werk und Faust als literarische Figur sind vor allem auch Projektionsfläche der jeweiligen Zeit und des spezifischen  Zeitverständnisses. Möglich ist dies erst aufgrund der Offenheit und Zeitlosigkeit, die dem Werk inhärent sind. So lässt sich seine Bedeutung  wohl am ehesten an dieser  Zeitlosigkeit seiner Thematik festmachen: Fausts Problem der Zerrissenheit zweier Seelen, das Gefühl der begrenzten wissenschaftlichen Erkenntnismöglichkeit und die Suche nach einem transzendent-göttlichen Zugang zu allem Seienden ist ein essenzielles und damit zeitloses Grundproblem jedes Menschen. Diese Suche nach dem, „was die Welt im Innersten zusammenhält“ und die Daseinsproblematik des Menschen, dass er in seinem Streben auch irren muss, sind die Leitideen des ‘Faust I‘.

Goethe entwirft damit eine Parabel der Menschheit, in der auch Fausts Schuld, sein Irren im Streben, aufgehoben ist. Dass sich der Mensch dabei schuldig macht, ist dabei unausweichlich.

Trotzdem wurden immer wieder Stimmen laut, die Faust angesichts seiner begangenen Schuld an Gretchen des titanischen Egoismus und der menschlichen Kälte bezichtigen. Dies war vor allem in der Rezeption Mitte des 20. Jahrhunderts der Fall. Ganz anders dazu stand die politisch-ideologische Vereinnahmung der Faustfigur durch nationalistisches Gedankengut, die das Faustische im Faust, sein unaufhaltsames Streben nach dem Hohen und Guten, als genuin deutschen Wesenszug festmachen wollte. Faust als titanischer Held oder als Verlierer und böswilliger Egoist – Goethes 'Faust' erschien immer im Lichte der überhöhten Selbstidentifikation und Projektion.

Aktuellere Forschungsansätze zeigen aber auch, dass der ‚Faust I‘ darüber hinaus eine Fülle an Einzelmotiven bereithält, aus denen sich bis heute neue Interpretationsansätze erschließen lassen.

Auch vordergründige Themen, wie das der  Wissenschafts- und Fortschrittskritik, sind  heute aktueller denn je, wenn auch unter scheinbar umgekehrten Vorzeichen: In einer Zeit der im Höchstmaß fortgeschrittenen wissenschaftlichen und technischen Möglichkeiten scheint nahezu alles möglich. Die daraus resultierenden Gefahren liegen dabei auf der Hand und werfen die Frage nach der Verantwortlichkeit auf. Ist das Irren des Menschen aufgrund seines unbedingten Erkenntnisdranges hier noch zu legitimieren? Kann sich der Mensch von heute angesichts des blinden Wissenschaftsglaubens nicht umso weniger die Frage nach dem beantworten, was die Welt im Innersten zusammenhält?

 Der Mensch steht immer noch als Mensch im Mittelpunkt einer konfliktreichen Menschheitsentwicklung, in der er sich verorten muss. Insofern liegt die Aktualität der ‚Faust-Tragödie‘ vor allem in der Erkenntnis, dass das Schicksal des Menschen der Mensch ist. Als Prototyp des Menschen an sich liest sich die Figur des Fausts wohl am ehesten als 'tabula rasa' einer multiplen Persönlichkeit, in der alle Gegensätze  des Menschlichen, wie Gut und Böse, Männlich und Weiblich, Körper und Geist, Gefühl und Wort, zum Vorschein kommen und dennoch zu einer Ganzheit zusammenkommen wollen. Doch ist Goethes ‚Faust I‘ nicht nur aufgrund dieser großen Idee so wertvoll: Der Gedanke des Gegensätzlichen ist im ‚Faust I‘ auch literarisch fortgeführt, sodass Form und Inhalt miteinander verwoben sind.

Das Aufzeigen von Polaritäten wirkt im Faust als übergeordnetes literarisches Strukturprinzip in Form von Spiegelungen und polaren Konfigurationen, die die Textstruktur bestimmen. Dies zeigt sich sowohl in zahlreichen einzelnen Motiven, wie Gut/Böse, Enge/Weite, Geist/Körper etc., als auch in der Gesamtkomposition des Werkes. Das eigene literarische Schaffen wird dabei zu einem ganzheitlichen Werk, das vom Höchsten („Prolog im Himmel“) bis zum Tiefsten („Kerker“) reicht,  in dem aber gleichzeitig die Gegensätze im ständigen Wechsel aufeinander bezogen sind.

Goethe selbst sagt dazu:“ Man muss immer das Innere und Äußere parallel oder vielmehr verflochten betrachten. Es ist immerfort Systole und Diastole,[1] Einatmen und Ausatmen des lebendigen Wesens“.[2]

 

[1] Die Herzschlagphase (Systole) und die Erschlaffungsphase (Diastole) sorgen dafür, dass das Herz sich zusammenziehen und das Blut in den Körperkreislauf und den Lungenkreislauf pumpen kann. Beide Phasen finden abwechselnd statt.

[2] Johann Wolfgang Goethe: Maximen und Reflexionen, in: Goethes Werke hrsg. von Erich Trunz, Bd.12, München 1953, S.436