Weltbild

Im 'Faust I' hat Goethe sein Welt- und Menschenbild auf unterschiedlichsten Ebenen dargestellt. Er greift konventionelle Vorstellungen auf, um diese kritisch zu hinterfragen und sein eigenes Verständnis vom Wesen des Menschen und den Zuständen der Zeit zu konkretisieren.

Irren und Streben, Gut und Böse als zwei Bestandteile der göttlichen Ordnung

Im „Prolog im Himmel“ werden das Irren und Streben des Menschen thematisiert, die als übergeordnete Thematik des 'Faust I' festgemacht werden können. Eingebunden ist dieser Komplex in das Thema der Religion und des spirituellen Glaubens. Hierbei werden die Religion als Instanz des gesellschaftlichen Lebens und die starre religiöse Einteilung in Gut und Böse infrage gestellt.

Mephistopheles, der Teufel, ist nicht Gegenspieler Gottes, sondern ebenso sein Diener wie die drei Erzengel. Er ist von Anfang an „ein Teil des Teils“ (Z.1349, S.42) eines Ganzen und hat somit auch seinen festen Platz in der göttlichen Weltordnung. Er hat die konkrete Aufgabe, den Menschen in Versuchung zu führen, um ihn nicht zur Ruhe kommen zu lassen. Dieses Irren des Menschen wird dadurch legitimiert, dass es dem höheren Zweck dient,  weiterhin nach dem übergeordneten Guten, Vollkommenen zu streben. Demnach muss sich der Mensch seinen Versuchungen stellen, um zu einer höheren Erkenntnis zu gelangen. Die christliche Lehre, nach der sich der Mensch durch die Versuchung versündigt, wird damit kritisch unterlaufen.

Anders als in der christlichen Vorstellung, in der das Böse nicht mit dem Guten, der Allmacht Gottes, zu vereinen ist, agiert der Teufel im 'Faust I' im Einverständnis Gottes. Goethe stellt damit die fundamentale Frage, was das Böse ist und wie es sich zeigen kann, aus einem anderen Verständnis heraus. Das Böse ist ebenso Bestandteil einer allumfassenden harmonischen Ordnung wie das Gute, so wie Tag und Nacht, Licht und Dunkel im Wechselspiel zueinander stehen.

Das Göttliche in den Erscheinungen der Natur

Der Mensch hat  in dieser geordneten Gesetzmäßigkeit seine feste Funktion,  wie alle Elemente und Teile des Universums. Dieses pansophisch–kosmische Weltbild zeigt sich auch in den Motiven der Magie. Auf der Suche nach einem höheren göttlichen Prinzip beschwört Faust die Erdgeister und studiert das Zeichen des Makrokosmos.

Die Pansophie als naturphilosophisch-religiöses Weltbild zielt auf die Vereinigung allen Wissens ab. Diese auf Ganzheit ausgerichtete Idee beinhaltet auch die Vorstellung, dass sich das Göttliche in allen Erscheinungen des Daseins zeigt, vor allem in der Natur, in der Schöpfung Gottes.

Dieser auch pantheistische Grundgedanke zeigt sich im Faust sehr deutlich, etwa in der Szene „Wald und Höhle“, in der Faust eine tiefe göttlich-spirituelle Verbundenheit mit der Natur erfährt. Nicht das Wort Gottes, sondern seine Tat, seine Schöpfung ist dabei der Ausgangspunkt allen Seins. Faust hat durch das Wort der 'toten' Materie der Wissenschaft keine Lebenserkenntnis gewonnen. Bezeichnenderweise übersetzt er deshalb die Anfangsverse der Bibel neu und ersetzt „Am Anfang war das Wort“ mit „Am Anfang war die Tat.“ Sich nicht zur Ruhe zu setzen, sondern weiterhin tätig zu sein und nach neuer Erkenntnis zu streben, wird damit zur Lebensmaxime des Menschen, die Faust repräsentativ darstellt.

Religionskritik und Kindsmordproblematik...

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