Rezension

Eigentlich ist es kaum noch möglich, eine neue Rezension zu „Die Leiden des jungen Werther“ zu schreiben. Gleich nach seiner Entstehung sorgte das Buch für Schlagzeilen, indem es junge Menschen zum Selbstmord trieb. Dies war ein so einschneidendes Erlebnis, dass selbst die Wissenschaft ein neues Wort dafür erfand: das Werther-Fieber oder der Werther-Effekt. Der Werther-Effekt tritt immer dann auf, wenn die Berichterstattung über Selbstmorde zu einer höheren Selbstmordrate in der Gesellschaft führt. Was soll man darüber hinaus noch über Goethe schreiben? Kaum ein anderer Autor wurde in der deutschen Literaturgeschichte derart vergöttert, erklärt, recherchiert und dargestellt. All seine Liebschaften, seine Vorlieben, seine Abneigungen lassen sich heute nachlesen und zeichnen das Bild eines hochbegabten und sehr sensiblen Menschen, der schon damals um seinen großen Einfluss wusste. Was gibt es also noch zu sagen?

Liest man heutzutage das Buch, das inzwischen ganze 240 Jahre alt ist, so ist man überrascht, mit welch eindrucksvoller Sprache Goethe den Leser gefangen nimmt. Die Art und Weise, mit der Werther seine Briefe verfasst, darin in Erinnerungen schwelgt, leidet, den Himmel anfleht und seinen Tod herbeiwünscht, ist eindrucksvoll und lässt bald schon vergessen, dass man als Leser die gesamte Handlung eigentlich aus einer winzigen Perspektive wahrnehmen muss. Dennoch baut sich dank der Sprache schon nach kurzer Zeit ein sehr intensives Bild vor den Augen des Lesers auf, das einen jungen Mann zeigt, der nach den Sternen greifen will, aber am Boden zerstört enden wird.

Ohne Vorwarnung stößt Goethe den Leser in die Thematik und lässt ihm keine Zeit, etwas über den Protagonisten zu erfahren. Alles, was er mit auf den Weg bekommt, ist die lapidare Aussage des Erzählers, dass er alles, was er zu dieser Geschichte finden konnte, gesammelt und in diesem Werk abgedruckt hat. So bleibt dem Leser nichts anderes übrig, als sich in die Rolle des Freundes Wilhelm zu begeben und als dieser sich der Flut an Briefen zu stellen, in denen Werther sein scheinbar unendlich weltfremdes Denken und Philosophieren zum Besten gibt.

Doch schon nach kurzer Zeit beschleicht den Leser das seltsame Gefühl, dass die so überspitzt vorgetragenen Ideen und Ansichten vielleicht gar nicht so abwegig sind, wie sie zuerst wirken. Vielmehr nehmen im ersten Teil des Werkes die unbändige Lebensfreude Werthers und seine uneingeschränkte Zustimmung zu allen menschlichen Gefühlen den Leser gefangen und bietet ihm, abseits jeglicher Allgemeinplätze, die Möglichkeit, sich mit ihm als Mensch zu identifizieren. Und genau auf dieser Ebene funktioniert das Buch und lässt es auch nach 240 Jahren verständlich sein: Hier geht es um den Menschen an sich, seine Gefühle, seine Selbstverwirklichung und seinen uneingeschränkten Anspruch auf Freiheit.

Indem man an seinen intimsten Momenten teilhaben darf, lernt man die Figur immer mehr verstehen. Und mit dem Verständnis muss man sich schlussendlich auch die Frage stellen: Warum scheitert Werther so heftig? Was steht ihm im Weg? Auf den ersten Blick scheinen die Antworten auf diese Fragen ziemlich einfach zu sein: Er selbst steht sich im Weg, da er keinen Deut von seinen Überzeugungen abweicht.

Doch auf der anderen Seite weiß der Leser, dass Werther stets nur daran arbeitet, ganz er selbst sein zu dürfen. Er unterdrückt nicht seine Triebe und geheimsten Wünsche, sondern akzeptiert sie als Teil seiner Persönlichkeit. Er hält sich nicht aus Höflichkeit mit seinen Ideen zurück, sondern sucht die konstruktive Auseinandersetzung. Dabei geht es ihm nicht um den Konsens, sondern um den Austausch. Aber je mehr er erkennen muss, dass alle Menschen um ihn herum sich eben genau andersherum verhalten und damit sich selbst als Menschen korrumpieren, desto mehr widert ihn diese Gesellschaft an. Daher findet er keine Ruhe in dieser Welt und – außer Wilhelm – auch scheinbar keinen echten Freund. Sein Freitod ist daher nur die Konsequenz aus seinem überzeugten Menschsein. Er muss sterben, bevor ihn diese Umstände in den Wahnsinn treiben.

Warum also heute noch den Werther lesen, wo er doch teilweise so absurd scheint? Ganz einfach: Es hat sich scheinbar nichts geändert, und fast alle Probleme sind auch heute noch aktuell und betreffen früher oder später jeden Menschen. Die Liebe bleibt die Liebe, und ihre Auswirkungen auf den Menschen und seinen Geisteszustand können immer noch verheerend sein. Die Gesellschaft bleibt wahrscheinlich auch immer die Gesellschaft und bietet auch heute nur scheinbar die Möglichkeit der Selbstverwirklichung. Vielmehr geht es um eine korrekte Einordnung in die Gesellschaft mit einem hochbezahlten Job, einer akkuraten Familie usw.: „Alles in der Welt läuft doch auf eine Lumperei hinaus, und ein Mensch, der um anderer willen, ohne dass es seine eigene Leidenschaft, sein eigenes Bedürfnis ist, sich um Geld oder Ehre oder sonst was abarbeitet, ist immer ein Tor“, (S. 46).

Und mit den modernen Medien ist zudem das Problem des gesellschaftlichen Konsenses noch gravierender geworden, als es damals ohne diese Geräte schon war – das Individuum wird sich auch heute mit seinen Ideen nicht durchsetzen können, wenn es allein steht und sich immer wieder dem virtuellen Mob gegenüberstehen sieht, der sich, ohne zu hinterfragen, hinter Kollektivansichten verschanzt.

Auf dieser Ebene ist es also ein erschütterndes Buch, das aber nicht dazu aufrufen soll, dieser Welt den Rücken zu kehren, so, wie Werther es tat. Vielmehr kann es zeigen, dass wir Menschen uns mehr umeinander kümmern müssen und dass die Gesellschaft viele grundsätzliche Wesenszüge des Menschen immer noch nicht akzeptiert hat. Es ist ein Appell an die Menschlichkeit, die so oft in der Gesellschaft verloren geht: „Es ist nichts, worum sie einander nicht bringen. Gesundheit, guter Name, Freudigkeit, Erholung! Und meist aus Albernheit, Unbegriff und Enge, und wenn man sie anhört, mit der besten Meinung. Manchmal möcht ich sie auf den Knien bitten, nicht so rasend in ihre eigenen Eingeweide zu wüten“, (S. 80).

Und schlussendlich ist es die uneingeschränkte Zusage an das eigene Denken und Empfinden, das zu keiner Zeit falsch sein kann. Denn es ist nun mal ein Teil von uns. Dem Leser bleibt dennoch die Aufgabe überlassen, wie er dies in dieser/seiner Welt umsetzen kann. Denn darauf hat Werther (respektive Goethe) keine konstruktive Antwort für den Leser.