Wunder der Liebe

Einleitung, Aufbau und Metrik

Bei dem Gedicht "Wunder der Liebe", von Johann Ludwig Tieck im Jahr 1803 verfasst, handelt es sich um eine Glosa.

Eine Glosa oder eine Glosse ist die ursprüngliche Bezeichnung für eine Gedichtform, welche im 15. und 16. Jahrhundert in Spanien sehr verbreitet war. Sie wird in der Epoche der Frühromantik durch die Übersetzungen der spanischen Lyrik von Wilhelm Schlegel sehr populär.

Eine Glosse besteht aus einem Motto mit meist vier Versen und aus vier Strophen, die als Dezime bezeichnet werden, weil sie aus zehn Versen bestehen. Das vorangestellte Motto verdeutlicht den kurzen Leitgedanken. Die vier Verse des Mottos werden am Ende der korrespondierenden Strophen wiederholt (zum Beispiel Motto Vers 1/ Strophe 1). Die vier Verse sind oft eine Art Umschreibung des Mottos. Sie kommentieren, parodieren oder interpretieren das Motto.

Das Motto der Glosse "Wunder der Liebe" ist ein Zitat von Ludwig Tieck. Der Dichter verwendet das Ende des mit "Aufzug der Romanze" betitelten Prologs aus seinem eigenen Lustspiel "Kaiser Octavianus“ als Motto. Es war damals unüblich, in einem Motto sich selbst zu zitieren. Womöglich wollte der Dichter seinen eigenen Vierzeiler ergänzen. Das Motto thematisiert die Liebe in allen ihren Facetten. Die kommentierende Dichtung ist durch einen selbstreflexiven Charakter gekennzeichnet, der für die Romantik typisch ist.

Das Metrum dieser Glosse ist ein vierhebiger Trochäus. Die Kadenzen des Mottos sind ausschließlich männlich. Die Kadenzen der Strophen agieren nach dem folgenden Muster: Auf fünf weibliche Kadenzen folgen zwei männliche, zwei weibliche und erneut eine männliche Kadenz. Die männlichen Kadenzen am Ende jeder Strophe bilden nicht nur das räumliche Ende der Strophe, sondern betonen dieses durch den abgeschlossenen Klang und die darauf folgende Pause.

Das Reimschema der Glosse ist abba cdcdcaaeea fgfgfbbhhb ijijibbkkb lmlmlaanna. Es enthält folglich unterschiedliche Reimarten, wie umarmender Reim, Paarreim und Kreuzreim. Die Reime sind ausschließlich reich, rührend oder unrein.

Analyse

Das Motto

Das Motto beginnt mit einer für die Epoche der Romantik typischen Naturmotivik einer "Mondbeglänzten Zaubernacht". Diese wird hier von dem Sprecher direkt angesprochen. Die zweite Verszeile fängt mit der Alliteration "Die den" an und stellt einen Relativsatz dar, welcher die Angesprochene näher bestimmt. Der Sprecher behauptet, die Nacht würde den Sinn gefangen halten. Dies ist eine Metapher für das Ergriffensein von der Schönheit der nächtlichen Umgebung, welche von dem Mond bestrahlt wird.

Die dritte Verszeile ist parallel zu der ersten aufgebaut und stellt erneut eine Anrede dar. Nun bezeichnet der Sprecher die Nacht als "Wundervolle Märchenwelt" und bittet sie: "Steig´ auf in der alten Pracht!" Diese Bitte wird durch eine Assonanz geprägt. Der Sprecher fordert die Nacht dazu auf, wieder aufzugehen, und zwar in der gleichen Pracht, in der sie es täglich tut. Epochenspezifisch werden hier der Nacht die Begriffe "Zauber" und "Märchen" an die Seite gestellt. Mond und Nacht hatten in der Romantik den Anschein des Mystischen inne.

Die erste Strophe

Thematisch eröffnet die erste Strophe eine neue Motivik. Sie beginnt mit den Alliterationen "Liebe lässt" und "sich suchen". In der zweiten Zeile wird die Reihung aus den Verben "suchen" und "finden" durch "lernen" und "lehren" fortgesetzt, welche gemeinsam eine Assonanz bilden. In der dritten Zeile steht schließlich die Alliteration "Wer da will die" am Anfang. Auch der vierte Vers verleiht der Botschaft mit Alliterationen "selbst sich" und "zu verzehren" Nachdruck.

Die Sinneinheit wird mit der fünften Verszeile beschlossen. Ihre Aussage ist deutlich. Die Liebe kann man suchen und finden, doch ist es nicht möglich, sie mit dem Verstand zu begreifen, also zu lernen, wie dieses Gefühl in sich vollständig funktioniert, und folglich kann man auch niemanden "lehren", wie er mit seinen Gefühlen umzugehen hat. Ratschläge in Sachen Liebe sind folglich unangebracht, denn jeder muss selbst den richtigen Umgang mit diesem Gefühl erlernen.

Wer also möchte, dass sich jemand in ihn verliebt, wer also die Flamme im Herzen eines Anderen entzünden möchte, ohne selbst in diese Person verliebt zu sein und sich nach ihr zu "verzehren", mus...

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