Einsamkeit

Einleitung und Metrik

Das Gedicht "Einsamkeit" von Johann Ludwig Tieck wurde im Jahr 1801 geschrieben und erstmals 1802 im ‚ Musenalmanach‘ von Ludwig Tieck und August Wilhelm Schlegel veröffentlicht. Diese Periode stellte für den Dichter eine schwierige Zeit dar. Aufgrund einer Auseinandersetzung mit August Wilhelm Iffland, welcher Tieck und seine Freunde auf der Bühne Berlins bloßstellte, zog er nach Dresden, fühlte sich jedoch in der neuen Heimat unglücklich. Außerdem hatte er in seinem persönlichen Umfeld große Verluste zu beklagen. Sein enger Freund Novalis und seine Eltern verstarben in diesem Jahr. Diese Ereignisse scheinen sich in dem Gedicht widerzuspiegeln. Es thematisiert das Verlassenwerden durch Tod oder Abwendung und beschreibt das Gefühl der Einsamkeit.

Das Gedicht besteht aus 9 Strophen zu je 8 Versen, die letzte Strophe stellt eine Ausnahme mit 9 Versen dar. Das Metrum ist ein regelmäßiger fünfhebiger Trochäus. Die letzten drei Verszeilen weisen sechs Hebungen auf. Die Kadenzen variieren nach unterschiedlichen Mustern. In den Strophen 1, 3 und 5 ist die Kadenz des ersten Verses weiblich, die der anschließenden Verszeile männlich. Diese Abwechslung setzt sich bis zu den beiden letzten Versen fort, die eine weibliche Kadenz aufweisen.

Ähnlich ist das Muster in der zweiten und in der vierten Strophe, bloß sind die drei letzten Versenden männlich. Die sechste Strophe enthält ausschließlich weibliche Kadenzen und die darauf folgenden Strophen 7 und 8 lassen auf sechs weibliche Kadenzen zwei männliche folgen. Die neunte Strophe ist nach dem gleichen Muster aufgebaut, weist jedoch eine zusätzliche männliche Kadenz auf.

Das Reimschema des Gedichts ist ababacc dededeff ghghghii jkjkjkll mnmnmnoo pqpqpqrr stststuu vwvwv-xx yzyzyzAA. In den ersten fünf Strophen folgt das Reimschema mit den Kreuz- und Paarreimen dem Muster der Kadenzen. Das Gedicht weist viele reiche, rührende und unreine Reime auf. Im sechsten Vers der achten Strophe ist außerdem eine Weise zu finden. Auffällig ist außerdem die häufige Verwendung der hellen klingenden Vokale e,i, ie, ei, a, die sich durch das ganze Gedicht zieht und somit dem schweren Thema des Gedichts einen hellen, hoffnungsvollen Klang entgegensetzt.

Analyse

Erste Strophe

Die erste Zeile der ersten Strophe eröffnet das Thema und verkündet, wer nicht als "einsam" zu bezeichnen ist. Dies wird durch die Wiederholung des Artikels "Der" unterstrichen. Laut dem ersten Vers ist derjenige nicht einsam, welcher noch seelischen Schmerz empfinden kann, nachdem er von seinen Freunden verlassen wurde und die Welt sich von ihm abgewandt hat. Der Verlust wird durch die Alliteration "Verlassen von" unterstrichen. Die Weltabkehr kann die Abwesenheit des Glückes und die Anreihung von Schicksalsschlägen bedeuten.

Laut dem dritten Vers bestehen die empfundenen seelischen Schmerzen aus Ängsten und Trauer, wobei die Trauer über die verlorenen Freunde die Ängste lindert oder vergessen lässt und folglich metaphorisch "kühlet". Mit der "heißen Angst" können Zukunftsängste gemeint sein, die aufgrund von Schicksalsschlägen eintreten, oder die Angst, weiterhin allein den Weg gehen und allein bleiben zu müssen.

Der Trauer folgt die Erinnerung an die verstorbenen Freunde und Verwandten, welche in der vierten Verszeile mit "Verlust" bedacht werden. Auf diese Weise, in Form der Erinnerungen, welche den Menschen umgeben, bleibt die Vergangenheit in dem Leben des Menschen gegenwärtig. Diese wird in der fünften Verszeile des Gedichts personifiziert und mit einem Kind verglichen, welches um den Menschen herum spielt.

In der folgenden Zeile wird die Opposition zur Vergangenheit – die Zukunft – präsentiert. Auch diese erscheint personifiziert. Sie hält dem Menschen einen Spiegel vor. Dieses Bild suggeriert ein Gefangensein in der Vergangenheit, denn mit einem Spiegel direkt vor einem selbst sieht man nur das, was sich hinter dem eigenen Rücken befindet, nicht das, was sich vor einem befindet. Es kann hiermit aber auch die Frage gemeint sein: Wer bist du und wie soll es mit dir weitergehen? Das ist also ein Bild, welches die Zukunftsängste versinnbildlicht.

Für den Menschen, der die seelischen Schmerzen des Verlustes und der Erinnerungen sowie die Zukunftsängste empfindet, sind die Schmerzen und Tränen, welche diese erleichtern, metaphorische Freunde. Mit den schmerzenden Erinnerungen ist die Person nicht allein, selbst dann nicht, wenn sie "sich selbst" zurückgezogen hat, um ihre Sehnsüchte nach den Verstorbenen zu "genießen". Die Alliteration unterstreicht hier den Rückzug in die Einsamkeit.

Die Strophe weist das "Wenn"-"dann"-Muster auf. Zunächst wird in den ersten beiden Zeilen das "Dann" verkündet. Daraufhin folgt in den letzten sechs Versen das "Wenn", verbunden durch den dreifachen Versbeginn mit "Und".

Zweite Strophe

Dieses Muster greift die zweite Strophe auf. In den ersten beiden Verszeilen präsentiert sie ein neues "Wenn" und erläutert in den folgenden sechs Versen das damit einhergehende "Dann". Wenn die "Lieben" nicht verstorben sind, sondern sich bewusst von dem Menschen abgewandt haben, sodass dieser in seinem Herz die "Entfremdung" wahrnehmen kann, dann ist es ein Grund für Trübsal.

In der ersten Verszeile ist die Metapher des fühlenden Herzens enthalten, welche darauf hindeutet, dass die Entfremdung von den wichtigen Menschen tief in der Seele schmerzt. Der Verweis darauf, dass die Entfremdung aufgrund eines Missverständnisses geschah, unterstreicht, dass es ohne Verschulden der nun leidenden Person geschehen ist.

Dieses bewusste Allein-gelassen-Werden von den Liebsten versetzt den Menschen in ein inneres Betrübnis, sodass er sein "Vaterland" verlässt, womit nicht unbedingt die Heimat gemeint ist, sondern der Ort, an dem man sich einst wohl und geborgen gefühlt hat, aus dem man jedoch nun verstoßen wird, da die Umgebung sich von einem abgewandt hat.

Die ersten vier Verszeilen sind durch den anaphorischen Beginn mit dem Konsonant "D", die dritte und die vierte Verszeile sogar durch die Anapher "Dann" miteinander verbunden, welche die "Wenn"-"dann"-Struktur der Strophe unterstreicht. Der Mensch hat keine Zufluchtsmöglichkeit mehr und keine Aussicht auf Begnadigung vor den seelischen Schmerzen oder dem erneuten Aufblühen der verflossenen Ganzheit.

So veranschaulicht es der Parallelismus in der fünften Verszeile, womit der räumliche Zufluchtsort dem seelischen Heil entgegengesetzt wird.

Der verlassene Mensch ist von seinem "Tempel", der Frau und dem Kind, verbannt. Mit dem Tempel kann hier das eigene Heim gemeint sein. Aber auch die Verbannung von der Kirche und der Gemeinde könnte dahinter stehen. Wohin die Person auch schaut, scheint sie von der Welt "getrennt" zu sein. Sie scheint folglich kein Teil der Welt mehr  zu sein. Sie gewinnt sogar den Eindruck, dass diese und folglich "das Element" Erde ihm feindlich gesinnt sind. Der letzte Vers ist mit dem fünften durch den Beginn mit "Und" verbunden.

Dritte Strophe

In der dritten Strophe wird das "Dann" zu der zweiten Verszeile fortgesetzt. Erneut ...

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