Schwerpunkte

1. Nicht Gott, sondern der Mensch hat die Sprache erfunden

Herder versucht, in seiner „Abhandlung über den Ursprung der Sprache“ zu beweisen, dass die Sprache der Menschen von den Menschen selbst erfunden wurde und nicht von Gott. Dieser Versuch ist dadurch motiviert, dass es einige philosophisch und theologisch tätige Vorgänger Herders gibt, die sich der Frage, wie Sprache entstanden ist, angenähert haben. Mit den Aussagen dieser Annäherungen ist Herder aber nicht einverstanden. Insbesondere möchte Herder die Sprachentstehungstheorie des Pfarrers Johann Peter Süßmilch widerlegen, der von einer göttlichen Erfindung der Sprache überzeugt war.

Zum Beispiel sieht Herder es als typisch menschlich an, dass viele Wörter sich ähneln und nur kleinste Lautveränderungen die Bedeutung des Wortes völlig verändern würden. Er erkennt darin eine kreative Lücke der Spracherfinder (S. 78). Ein weiterer Beweis sei etwa, dass geistige Begriffe, also Abstrakta, die mit der Religion zu tun hätten, niemals die ersten Begriffe seien, die in einer Sprache entstünden. Hätte Gott die Sprache erfunden, so wären die ihn betreffenden Begriffe von Anfang an dagewesen (S. 46).

2. Wer meint, dass Gott die Sprache erfunden hat, widerspricht sich selbst

Insbesondere in Süßmilchs Ausführungen findet Herder große Widersprüche und unmögliche Theorien (S. 38 f.). Süßmilch vertritt einerseits die Ansicht, dass Gott in seiner Allmacht die Sprache von Grund auf für den Menschen erfunden habe. Er sieht das Alphabet als Zeichen der Göttlichkeit an, das dem Menschen geschenkt wurde. Dass man alle Laute mithilfe von zwanzig Zeichen festhalten könne, sei ein Wunder. Herder argumentiert hier, man hätte mit dem Alphabet nicht annähernd für alle Laute genügend Zeichen (S. 10). Süßmilch ist außerdem der Ansicht, dass Synonyme ursprünglich nicht verschiedene Worte für gleiche Dinge gewesen seien, sondern dass es früher Unterschiede zwischen den Dingen gegeben hätte, die nur nicht mehr aktuell seien. Herder hält dagegen, es lasse sich nicht mit der Annahme eines göttlichen „Masterplans“ vereinen, dass Gott etwas erfunden haben sollte, dessen Bedeutung später in der Geschichte vergessen werde (S. 67).

Der größte Widerspruch in Süßmilchs Theorie aber liegt Herders Ausführungen nach in dessen Erklärungen zur gegenseitigen Abhängigkeit von Vernunft und Sprache und wie beides dem Menschen durch Gott beigebracht wird. Nach Süßmilch ist Sprache nötig, damit der Mensch seine Vernunft zu Höherem gebrauchen kann. Er könne nur aufmerksam sein, über etwas reflektieren oder abstrahieren, wenn er Zeichen (also Buchstaben und daher Sprache) als Hilfsmittel habe (S. 35). Zur Erfindung der Sprache jedoch sei eben der Gebrauch der höheren Vernunft nötig (S. 36). Der Mensch habe sich also Sprache nicht erfinden können, da er oh...

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