Eingeborene und Zugewanderte

Napoleonische Fremdherrschaft als Urbild des Bösen

Jeremias Gotthelfs Kindheit und frühe Jugend waren durch die napoleonische Fremdherrschaft gekennzeichnet. Die von den Franzosen gegründete `Helvetische Republik´ war in den Augen des Autors ein Teufelswerk, weil darin statt des traditionellen Glaubens die Volkssouveränität herrschte. Auch stellte sich der Schweizer Pfarrer gegen die Anti-Religiosität und die Betonung des Verstands, wie sie in der `Helvetischen Republik´ praktiziert wurden.

Gotthelf lehnte zudem die Überflutung seiner Heimat mit Fremden ab - eine frühe Form des heutigen Tourismus (siehe Epoche, Abschnitt „Einwanderung und neue Sitten“). So äußerten Zeitgenossen, man habe „das bernische Interlaken für eine englische Kolonie halten können“, Quelle. In der „schwarzen Spinne“ findet das seinen Niederschlag (S.7). In der Novelle scheint alles Fremde abgelehnt zu werden: Alle negativen Gestalten in den beiden Binnenhandlungen sind zugezogen und stammen nicht aus Sumiswald oder der näheren Umgebung.

Die Fremden in der ersten Binnengeschichte

  • Der despotische Komtur Hans von Stoffeln und seine Ritter sind keine Einheimischen. Von Stoffeln ist gebürtiger Schwabe (S.28), hat gegen die Heiden gekämpft und stellt sich in allem gegen das göttliche Gebot der Barmherzigkeit (S.29f). Durch seine überzogenen Forderungen gegenüber den örtlichen Bauern provoziert er einen diabolischen Konflikt. Sie sehen sich dazu gezwungen, den Pakt mit dem Teufel einzugehen.
  • Christine wird immer wieder als die „Lindauerin“ (S.39f, 64) bezeichnet. Allein schon dieser Ausdruck macht deutlich, wie wenig integriert diese Bäuerin ist. Die Deutsche erhielt gar keine Chance dazu. Als sich endlich die Gelegenheit bietet, macht Christine ihrer Seele dann auch Luft. In harten Worten kritisiert sie die Engstirnigkeit der Dörfler. Man „hätte es nicht um sie verdient, als Fremde sie übel geplaget im Tale, die Weiber ihr einen übeln Namen angehängt...“ (S.47).

Ausgerechnet die als Ortsfremde verfemte Christine trifft eine mutige Entscheidung für die Dorfgemeinschaft. Sie als Frau und Zugezogene schließt das Bündnis mit dem Teufel. Dieser bringt die von Stoffeln geforderten hundert Buchen auf den Schlossberg und soll dafür ein ungeborenes Kind erhalten.  Als dies Vorhaben scheitert, verwandelt sich die Fremde, Christine, selbst in eine Spinne und bringt den Tod ins Tal.

  • Keiner weiß, woher der grüne Jäger kommt. Er bringt die von Stoffeln geforderten Bäume auf den Schlossberg und soll dafür ein ungeborenes Kind erhalten. Dazu kommt es zwar nicht, doch die Bauern gewinnen ebenfalls keinen Vorteil aufgrund des Pakts: Als sie ihren Teil der Vereinbarung mehrfach nicht erfüllen, werden sie mit der Pest bestraft.

Die Fremden in der zweiten Binnenerzählung

  • In der zweiten Binnengeschichte gilt das Stigma des Fremden in Bezug auf die sogenannten `Meisterweiber´: Christens Mutter und seine Frau, welche eine Verwandte seiner Mutter ist – also vermutlich auch keine Einheimische. Es „war ein schlau und kräftig Weib hier Meister, sie war keine „Lindauerin“, aber doch glich sie Christine in vielen Stücken. Sie war auch aus der Fremde, der Hoffart, dem Hochmute ergeben...“ (S.97).
  • Auf den unheilvollen Einfluss eingebildeter, fremder „Weiber“ wird bereits zuvor hingewiesen: „So wurden, nachdem viele Geschlechter dahingegangen, Hochmut und Hoffart heimisch im Tale, fremde Weiber brachten und mehrten beides“ (S.96).
  • Auch der aggressive `Meisterknecht´ stammt aus fremden Gegenden. Seine Rolle innerhalb der Erzählung ist verheerend (siehe Charakterisierungen: Meisterknecht). Er lebt ein wüstes, gottloses Leben und entlässt schließlich die Spinne aus dem Gefängnis, in welchem sie zweihundert Jahre lang eingesperrt war. Die Folgen dieser Tat sind schrecklich: Das Ungeziefer tötet fast alle Menschen im Tal und wütet noch schlimmer als in der ersten Binnenerzählung. Fast scheint es so, als wäre dem teuflischen Tier bewusst, dass es nur wenig Zeit hat, um sein Zerstörungswerk zu vollbringen.

Das Unbekannte als Gefahr

Wie sehr Jeremias Gotthelf das Bewahren des Bestehenden schätzt, wird außerdem im Dingsymbol des Hausbaus deutlich. Dieser ist zwar nach vielen Jahrzehnten jeweils unumgänglich, findet aber immer an derselben Stelle statt. Das Unbekannte, das Neue, steht in der „sch...

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