Rezension

Jenny Erpenbecks Roman „Gehen, ging, gegangen“ erscheint auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise Ende August 2015. Die Autorin erkennt bereits 2013 die Brisanz des Themas und die große Herausforderung, vor die sowohl die Flüchtlinge als auch die Länder gestellt werden, in denen diese große Masse an Menschen ankommt. Daraufhin beginnt sie mit eigenen Recherchen und spricht mit Hilfsorganisationen und Flüchtlingen, die sie auch bei Behördengängen begleitet, um mehr über ihren Alltag in Deutschland zu erfahren. Diese Informationen und Erfahrungen wandelt sie literarisch in einen Roman um.

Richard, ein emeritierter Professor für klassische Philologie und Witwer, der mit seiner vielen Freizeit und Einsamkeit nicht wirklich gut zurechtkommt, wird erst über die Medien auf den Protest von Flüchtlingen auf dem Alexanderplatz aufmerksam, obwohl er noch am selben Tag vor Ort, aber zu sehr in Gedanken war, um sie zu bemerken. Er ist überrascht über seine mangelnde Aufmerksamkeit und besucht den Oranienplatz, auf dem die Flüchtlinge eine Zeltstadt errichtet haben.

Als einige der Männer nach einer Vereinbarung mit dem Senat in ein leerstehendes Gebäude eines Altenheims verlegt werden, das in der Nähe von Richards Haus liegt, will er in direkten Kontakt mit ihnen treten, um mit ihnen über Fragen zu sprechen, die er auf dem Herzen hat. Richard tritt zuerst nicht aus moralischen oder fürsorglichen Gründen mit ihnen in Kontakt, sondern zuerst nur aus eigenem Interesse.

Nach und nach entwirft der Akademiker einen Fragekatalog mit teilweise auch recht eindringlichen Fragen, wie beispielsweise nach ihrem Lieblingsversteck als Kind oder nach dem Ort, an dem sie begraben werden wollen, und besucht sie regelmäßig. Die Flüchtlinge wundern sich über den merkwürdigen alten Mann, den sie auch für ein wenig verrückt halten, aber sie sprechen mit ihm.

Die Berichte der Flüchtlinge lassen Richard nicht lange kalt. Die Besuche bei ihnen und das Studium ihrer Kultur sowie der bürokratischen Hürden, mit denen sie sich konfrontiert sehen, geben ihm, der nie Kinder hatte und seine Frau sogar zu einer illegalen Abtreibung nötigte, einen neuen Lebensinhalt.

In väterlicher Weise unterstützt er sie bei Behördengängen oder in finanzieller Sicht. Er unterrichtet einen von ihnen sogar im Klavierspielen und schenkt ihm ein rollbares Klavier, doch genau dieser scheint später in einen Einbruch bei Richard verwickelt zu sein, worüber dieser sehr enttäuscht ist, dem aber nicht weiter nachgeht.

Immer intensiver wird Richards Engagement. Es geht so weit, dass er einem anderen Flüchtling für 3000 Euro ein Stück Land in Ghana kauft, damit sich seine Familie dort selbst versorgen und ernähren kann. Es scheint so, als müsse der ältere Professor die moralischen Versäumnisse seines bisherigen Lebens kompensieren. Symbol für seine Verfehlungen ist seine verstorbene Frau Christel, auf deren Bedürfnisse er nie wirklich einging und die er mit seinem Verhalten in den Alkoholismus drängte, der ihr wahrscheinlich später auch das Leben koste...

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