Gesellschaftskritik: Ordnung, Hoffnung und Abweisung

Die reinen Gesetzte

Der Roman Gehen, ging, gegangen stellt die deutsche Bürokratie und den mit ihr untrennbar verbundenen Ordnungssinn dar. Die große Zahl an Flüchtlingen konfrontiert die Behörden zunächst mit kaum zu bewältigenden Aufgaben: Lange Bearbeitungszeiten und Unsicherheit bezüglich des Umgangs mit den Flüchtlingen sind die Resultate. Als Richard zum ersten Mal mit den Flüchtlingen sprechen will, die in einem Altenheim in der Nähe seines Wohnhauses untergebracht sind, muss er zuerst mit dem Leiter des Heimes sprechen. Ein direkter und spontaner Kontakt ist nicht möglich.

Das plötzliche Erscheinen der Flüchtlinge in der Vorstadt bewirkt Unsicherheit. Richard erkennt diese Unsicherheit beim Leiter des Altenheims, in dem zeitweise auch Flüchtlinge untergebracht werden, und denkt bei sich: „Aus Angst kommt Ordnung, denkt er. Aus Verunsicherung und aus Vorsicht.“ (S. 56). Die verunsicherten Bürger halten sich strikt an sauber formulierte Gesetze und Vorschriften, um eine Orientierungshilfe zu haben. Darunter leidet der Aspekt der Mitmenschlichkeit und Fürsorge. Dies bestätigt auch der Anwalt von Ithemba: „Die geschriebenen Gesetze treten, je höher entwickelt eine Gesellschaft ist, an die Stelle des common sense. In Deutschland sind es nach meiner Einschätzung nur noch zwei Drittel aller Gesetze, die im Gefühlsleben des Volkes […] verankert sind. Ein Drittel sind bereits so hochentwickelte, reine Gesetze, so sauber formuliert, dass die gefühlsmäßige Grundlage überflüssig geworden und praktisch nicht mehr existent ist.“ (S. 308-309).

Ordnungssystem und Vorschriften

Als Richard sich aufmacht, um mit den Flüchtlingen in dem Gebäude des Altenheims zu sprechen, so ist dies nicht ohne weiteres möglich. Er muss zuerst ein Gespräch mit dem Heimleiter führen, bevor er zu einem Besuch zugelassen wird. Anfangs darf er auch nicht allein das Gebäude mit den Flüchtlingen betreten, sondern muss stets von einem Betreuer begleitet werden.

Der ältere Professor stellt fest, dass er in der Zeit, in der sie im Park gelebt haben...

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