Reportage und literarisches Erzählen

Erpenbeck rückt die Frage in den Vordergrund, wie die Flüchtlinge mit dem Übergang in ein neues Leben umgehen, der sehr lange dauert. Damit geht ihre Darstellung über die Form der reinen Reportage[1] weit hinaus[2], auch wenn sie auf realen Gesprächen mit den Flüchtlingen beruht.

Der Roman enthält eine Vielzahl an Elementen, die einer Reportage nahekommen und von Richard immer wieder assoziativ mit anderen Ereignissen verknüpft werden, Passagen, die in Form von kleinen Einschüben die eigentliche Handlung erweitern und dem Leser einen großen Mehrwert an Informationen vermitteln. So werden Reportage und literarisches Erzählen miteinander verbunden.

Berliner Stadtgeschichte und Kolonialismus

Immer wieder wird über die innere Rede von Richard die Geschichte von Berlin lebendig. Auf dem Alexanderplatz erinnert der Altphilologe sich an die Informationen eines befreundeten Archäologen, dass unter ihm viele weitläufige und miteinander verbundene Keller entdeckt worden sind, in denen im Mittelalter ein Markt veranstaltet wurde (S. 19). Beim Fernsehturm gedenkt er der Entstehung der Fontänen, die zum Sockel des Turmes führen und zu sozialistischen Zeiten erbaut wurden (S. 21). Als er auf einer Parkbank auf dem Oranienplatz inmitten der Bretterbuden der Flüchtlinge sitzt, denkt er an die Entstehungsgeschichte der Gegend um den Platz, die ursprünglich von hugenottischen Flüchtlingen besiedelt wurde (S. 44). Der Platz selbst wurde dann von Peter Joseph Lenné gestaltet und im Laufe der Jahre umgebaut.

Zu der Zeit, in der auf dem von Lenné gestalteten Oranienplatz noch ein Kanal floss, besaß Deutschland noch Kolonien. In Richards Büro steht ein alter Globus, auf dem die Kolonie Deutsch-Ostafrika verzeichnet ist. Richard erinnert sich an alte Geschäfte in Ost-Berlin, über denen noch viele Jahre lang „Kolonialwaren“ geschrieben stand, in deren Auslagen aber oft nur die durch das sozialistische System bedingten Lebensmittel Obst, Gemüse und Speisekartoffeln zu finden waren, sogenannte „OGS“ (S. 49).

Um einen Fragekatalog für die Begegnungen mit den Flüchtlingen zu erstellen, liest sich Richard intensiv in das Thema Kolonialismus ein. Dabei trifft er auf die Geschichte der Landnahme an der Südwestküste Afrikas durch den Händler Lüderitz und die spätere Erklärung seines Landes zu einer deutschen Kolonie durch Bismarck (S. 53).

Richards Fragekatalog

Der Fragekatalog von knapp dreißig Fragen, den er für die Begegnungen mit den Flüchtlingen formuliert, ist in journalistischer Manier aufgebaut und abgedruckt (S. 52). Bevor er mit den Flüchtlingen sprechen kann, muss er einen Termin beim Leiter des Altenheims wahrnehmen, in dem sie untergebracht sind. Dieser erörtert ihm verschiedene Aspekte, wie Dublin II, Rückführung, Abschiebehaft, Asylrechtsverordnung und Aufenthaltstitel (S. 57, s. dazu auch „Epoche“). Er vermittelt ihm damit einen ersten Einblick in die komplexe Materie, in die sich Richard im Laufe der Zeit einarbeitet (Z.B. S. 84-85). Durch seinen Freund Thomas erfährt er, dass der französische Konzern Areva in Niger auf Kosten der dortigen Bevölkerung Uran abbaut und die Umwelt verseucht. Eine Regierung, die dies unterbinden will, wird schnell weggeputscht (S. 181-183).

Auf der Grundlage der Informationen, die er von den Flüchtlingen erhält, beginnt Richard, sich intensiv mit ihrer Geschichte und Kultur auseinanderzusetzen. Diese neuen Erkenntnisse werden in d...

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