Symbole und Motive

Zeit

Richards überflüssige Zeit

Zeit ist ein zentrales Motiv des Romans von Erpenbeck und wird sowohl aus der Perspektive von Richard als auch aus der der Flüchtlinge betrachtet. Nach seiner Emeritierung kann Richard zuerst wenig mit der vielen Zeit anfangen, die ihm nun zur Verfügung steht: „Er hat jetzt einfach nur Zeit. Zeit, um zu reisen, sagt man. Zeit, um Bücher zu lesen. […] Zeit, um Musik zu hören. Er weiß nicht, wie lange es dauern wird, bis er sich daran gewöhnt hat, Zeit zu haben.“ (S. 9).

Das Problem für ihn besteht darin, dass sein Kopf immer noch genauso arbeitet wie während seines Berufslebens: „Nun aber quält ihn nicht die Zeit, die mit einer unnützen Liebe ausgefüllt ist, sondern die Zeit an sich. Vergehen soll sie, aber auch nicht vergehen.“ (S. 11). Er muss innerhalb kurzer Zeit sein Leben völlig neu organisieren, das zuvor beinahe vollständig von seiner Arbeit ausgefüllt gewesen zu sein scheint.

Der ältere Professor hat Erfolg gehabt, hat Bücher veröffentlicht und wurde zu Konferenzen eingeladen (S. 9). All dies hat in seinem neuen Lebensabschnitt aber kaum noch eine Bedeutung. Fünf Jahre zuvor ist seine Frau verstorben und da er keine Kinder oder wirkliche Hobbys hat, wirkt er in dieser freien Zeit verloren. Als er aus den Medien von den Flüchtlingen auf dem Alexanderplatz erfährt, die dort in einen Hungerstreik getreten sind, weckt dies sein Interesse und er beginnt nun, ihnen seine Zeit zu widmen.

Richard besucht eine Veranstaltung in einer besetzten Schule in Kreuzberg und setzt sich mehr als zwei Stunden auf eine Bank auf dem Oranienplatz, auf dem er das dortige Leben der Flüchtlinge in der Zeltstadt beobachtet. Nachdem er Flüchtlinge auf dem Oranienplatz besucht hat, erkennt er am Abend vor dem Einschlafen, warum er sich für sie und ihre Schicksale interessiert: „Über das sprechen, was Zeit eigentlich ist, kann er wahrscheinlich am besten mit denen, die aus ihr hinausgefallen sind. Oder in sie hineingesperrt, wenn man so will.“ (S. 51).

Die Zeit des Wartens

Sowohl Richard als auch die Flüchtlinge sind in der Zeit gefangen: Richard weiß nicht, was er mit seiner Zeit anfangen soll. Die Flüchtlinge sind zum Nichtstun verurteilt, da sie aufgrund ihres derzeitigen Status nicht arbeiten dürfen. Zudem sind sie weit weg von zu Hause und ihren früheren sozialen Netzwerken. Sie schlafen daher viel, um die Tage und die viele freie Zeit irgendwie zu bewältigen. Da sie auch kein Geld haben, sind ihre Freizeitaktivitäten stark eingeschränkt.

Von dem Moment an, von dem an die Männer in dem Asylbewerberheim in Spandau untergebracht werden, fühlt sich Zeit für sie plötzlich anders an. In der Flüchtlingsunterkunft in dem leerstehenden Gebäude des Flüchtlingsheims besteht ihr Tagesablauf hauptsächlich aus Warten und Schlafen, und zwar vor allem deshalb, weil sie isoliert in einem eigenen Gebäude untergebracht sind, in dem sich nur Männer und keine Familien aufhalten. In Spandau leben sie nun wieder unter vielen verschiedenen Menschen und zusammen mit Familien. Diese soziale Vernetzung ermöglicht ihnen, ihre freie Zeit besser auszufüllen. Auch Richard baut nach und nach so...

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