Schreibstil und Stilmittel

Syntax

Die Syntax des Romans Gehen, ging, gegangen ist, ebenso wie auch die Sprache, sehr vielfältig und abwechslungsreich gestaltet. Hauptsächlich ist der Text durch viele hypotaktische Sätze gekennzeichnet, die mit der differenzierten und vielschichtigen Wahrnehmung Richards zu tun haben, die den Großteil der Darstellung prägt, wie hier zum Beispiel: „Noch immer ist im Streit der beiden Parteien, des blondgescheitelten Senatsvertreters und Raschid als Sprecher der anderen, keine Lösung in Sicht, die Diskussion steckt im Hin-und-Her-Übersetzen fest, da tritt plötzlich der Leiter des Heims auf, quasi als reitender Bote: Soeben habe er die Nachricht erhalten, dass es im Haus zwei Fälle von Windpocken gebe.“ (S. 104).

Besonders in den Momenten, in denen Richard aufgeregt ist und viel Arbeit erledigt, wechselt die Erzählung zu sehr langen hypotaktischen Sätzen. Dies ist beispielsweise dann der Fall, als seine Weihnachtsvorbereitungen beschrieben werden, die er noch im letzten Moment vornimmt (S. 231-233).

Momente, die den immer wiederkehrenden Tagesablauf von Richard darstellen, werden dagegen parataktisch und elliptisch dargestellt, um ihren ritualhaften Charakter hervorzuheben: „Zum Frühstück Earl Grey. Mit Milch und Zucker. Dazu ein Brot mit Honig und eins mit Käse. Bachs Goldberg-Variationen im Radio.“ (S. 42)

Die Beschreibung des Sees vor Richards Haus, in dem ein Mensch ertrunken ist, wird polysyndetisch und hypotaktisch dargestellt. An dieser Stelle nimmt die Prosa von Erpenbeck poetische Züge an und mithilfe von Adjektiven, Metaphern und Vergleichen, Repetitio und Parallelismus wird der schöne See, der gleichzeitig mit dem Tod verbunden ist, beschrieben: „Der See wird für immer der See bleiben, in dem jemand gestorben ist, und dennoch für immer auch ein sehr schöner See sein: […] ein See, an dessen Ufer Libellen schlüpfen, an dessen sandigem Grund Muscheln liegen, ein See mit Algen, zwischen denen die Fische spazierenschwimmen, als sei das Grünzeug ein Wald, ein in der Sonne gleißender See, in Gewittern schwärzlicher See, und Winter für Winter ein gefrorener, manchmal verschneiter See, der dann so weiß ist wie ein Blatt Papier.“ (S. 340). Diese Beschreibung spiegelt wiederum die sehr differenzierte und von seinem Leben als Professor für klassische Philologie geprägte Wahrnehmung Richards wider.

Der komplizierten Syntax von Richards Gedanken stehen einige Gespräche mit den Flüchtlingen gegenüber, die einfache und parataktische Satzkonstruktionen nutzen, um sich auszudrücken. Die meisten von ihnen haben keine Schule besucht, keiner von ihnen hat einen akademischen Hintergrund. So beschreibt Karon seine Verzweiflung sehr bodenständig und mit einfachen, aber eindrücklichen Worten: „Ich setzte mich an den Rand des Feldes und weinte. Es ist so, viele Menschen in Ghana sind sehr verzweifelt. Manche hängen sich auf. Andere nehmen DDT, sie trinken Wasser nach, dann gehen sie ins Haus, machen die Tür hinter sich zu – und sterben. […] Ich hatte dann keine Kraft mehr, es zu tun. Danach wurde ich krank.“ (S. 141).

Andere Flüchtlinge, wie Apoll, sind in starkem Maße durch ihre tragische Lebensgeschichte und gefährliche Flucht posttraumatisiert. Sie sprechen nur bruchstückhaft Englisch, Italienisch und Deutsch, sodass sie Richard nur mit einzelnen Wörtern oder kurzen Sätzen antworten können (S. 66-71). Auch Raschid erzählt seine Lebensgeschichte in einfachen und eindrücklichen Sätzen. Richard weiß, dass diese Erzählung „wie ein Geschenk“ (S. 237) ist.

Stilmittel

Vielfältige Stilmittel verleihen dem Roman Landnahme seine literarische Qualität. Einige davon werden im Folgenden aufgelistet und mit Beispielen aus dem Text illustriert.

Akkumulation

(Anhäufung mehrerer Unterbegriffe mit einem ge...

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