Intertextualität

Die drei einleitenden Zitate

Dem Roman Gehen, ging, gegangen werden drei Zitate vorangestellt. Sie stammen von dem österreichischen Wissenschaftler und Nobelpreisträger Wolfgang Pauli, dem deutschsprachigen Dramatiker Heiner Müller und dem amerikanischen Baptistenpastor und Bürgerrechtler Martin Luther King. Alle drei Zitate beziehen sich auf zentrale Handlungselemente des Romans und fordern den Leser schon im Vorfeld dazu auf, sich bewusst mit Gewalt, Mitgefühl und Einverständnis auseinanderzusetzen sowie sich in schwierigen Zeiten für seine Freunde einzusetzen und stark zu machen.

1) „Gott schuf das Volumen, der Teufel die Oberfläche.“ (S. 7)

Dieses Zitat stammt von dem österreichischen Physiker und Nobelpreisträger Wolfgang Pauli. Im übertragenen Sinne bedeutet es, dass die Oberfläche Grenzen setzt und den Blick auf das große Ganze einschränkt. Sie verdeckt zunächst, was unter ihr verborgen ist.

In Bezug auf Erpenbecks Roman geht es darum, nicht nur auf die Oberfläche zu schauen, sondern auch auf das, was darunter liegt, um die Vorurteile und Ängste abzubauen und die allgemeinmenschlichen Verbindungen zwischen den Menschen zu erkennen: „Geburt, Tod und Religion erweisen sich als archetypische Muster, unabhängig von Nationalitäten und Grenzen.“[1] Auf dieser Ebene sind alle Personen des Romans miteinander verbunden. Oberflächliche Aspekte, wie die Hautfarbe, dürfen keine Rolle spielen.

Am Ende des Romans wird das ihm vorangestellte Motto erneut aufgegriffen und bildet somit den inhaltlichen Rahmen um die Handlung: „Damals, glaube ich, sagt Richard, ist mir klargeworden, dass das, was ich aushalte, nur die Oberfläche von all dem ist, was ich nicht aushalte. […] Ja, im Prinzip genauso wie auf dem Meer.“ (S. 348).

Jeder Mensch trägt seine eigene Geschichte in sich, die so lange unter seiner Oberfläche (Aussehen, sozialer Status, Besitz, etc.) verborgen bleibt, bis man sich auf menschlicher Ebene mit ihm auseinandersetzt. Diese Verbindungen zeigen sich in den Momenten, in denen Richard seine eigenen Erlebnisse als Kriegsflüchtling oder Bürger der DDR in einen Zusammenhang mit den Lebensgeschichten der Flüchtlinge bringen kann.

2) „Auch wenn es mich sehr stört, muss ich eine große Hemmung überwinden, um ein Insekt zu töten. Ich weiß nicht, ob es Mitleid ist. Ich glaube nicht, nein. Vielleicht einfach ein Sichgewöhnen an Zusammenhänge. Und ein Versuch, sich einzufügen in Zusammenhänge, die existieren, Einverständnis.“ (S. 7)

Der deutschsprachige DDR-Schriftsteller und Dramatiker Heiner Müller (1929-1995) hebt mit dieser Aussage hervor, dass alles Leben auf der Welt miteinander verbunden ist und ein Zusammenhang zwischen den Lebewesen existiert. Indem man versucht, diese Zusammenhänge zu verstehen, kann man sich in diese einfügen und im Einverständnis mit sich und seinem Umfeld leben. Nur so ist auf Dauer ein friedvolles Miteinander der Menschen möglich.

Richard geht zuerst aus eigenem Interesse auf die Flüchtlinge zu und erkennt im Laufe der Zeit neue Zusammenhänge, die sein bisheriges Weltbild verrücken. Durch die Auseinandersetzung mit der afrikanischen Mythologie „verrückt sich für ihn plötzlich auch der griechische Himmel, der doch eigentlich sein Spezialgebiet ist“ (S. 176).

Ebenso erkennt der Altphilologe, dass der Umgang mit den Flüchtlingen durch fein säuberlich formulierte Gesetze teilweise fernab jeder Menschlichkeit praktiziert wird. Die noch von den Vorfahren der Deutschen so heilig geschätzte Gastfreundschaft der Germanen scheint keinen Bestand mehr zu haben, obwohl sich an der Verbindung aller Menschen miteinander nichts geändert hat. Ein sich „Einfügen in Zusammenhänge“ erfordert Eigeninitiative und Hilfsbereitschaft.

3) „In the end, we will remember not the words of our enemies, but the silence of our friends. (S. 7)

Der Friedensnobelpreisträger und Bürgerrechtler Martin Luther King (1929-1968) verweist mit diesem Zitat darauf, dass nicht die Wörter derer uns dauerhaft verletzen, die uns feindlich gesinnt sind, sondern dass wir uns immer besonders an die unterlassene Hilfe durch Freunde erinnern werden.

Die afrikanischen Flüchtlinge haben deshalb ihr Land verlassen, weil sie vor Gewalt und Krieg fliehen und sind teilweise sogar zur Flucht gezwungen worden. In den wohlhabenden europäischen Ländern aber werden sie aber nur kurzzeitig nicht besonders human aufgenommen und müssen dort auf der Straße leben.

Bürokratische Hürden und Gesetze verbieten es ihnen, Arbeit zu finden und sich so in die Gesellschaft zu integrieren und ein normales Leben zu führen. Diejenigen, die Hilfe leisten können, verweigern diese oder grenzen sie zeitlich stark in Bezug auf das Dublin II Abkommen (siehe dazu Epoche „Dublin II“) ein, das von den deutschen Behörden mit aller Härte durchgesetzt werden soll.

Ebenso verweist das Zitat auf den anonymen oder auch offen formulierten Rassismus, der vor allem im Internet stattfindet (vgl. dazu „Interpretation“), aber auch auf die Rolle der Medien, die in tendenziöser Weise die Bevölkerung mangelhaft in...

Der Text oben ist nur ein Auszug. Nur Abonnenten haben Zugang zu dem ganzen Textinhalt.

Erhalte Zugang zum vollständigen E-Book.

Als Abonnent von Lektürehilfe.de erhalten Sie Zugang zu allen E-Books.

Erhalte Zugang für nur 5,99 Euro pro Monat

Schon registriert als Abonnent? Bitte einloggen