Weltende Interpretation und Analyse

Titel, Form und Metrik

Jakob von Hoddis' weltberühmtes Gedicht wird erstmals im Jahr 1911 in der Zeitschrift „Der Demokrat“ veröffentlicht. Das Gedicht ist das bekannteste der expressionistischen Lyrik und wurde bereits unter den  expressionistischen Lyrikern als 'Grundstein' ihrer Ausdruckskunst gefeiert.

Mit dem Titel „Weltende“ wird das Gefühl der nahenden Apokalypse, des Untergangs der zivilisierten Welt, beim Namen genannt. Das Gefühl des drohenden Zusammenbruchs der Welt, das Leben in einer erstarrten Gesellschaft und die Möglichkeit eines Neuanfangs und Aufbruchs sind die Motive, die das Gedicht umkreisen und die programmatisch für die gesamte expressionistische Bewegung sind.

Jakob von Hoddis bedient sich einer traditionellen Form: Das Gedicht besteht aus zwei Strophen zu je vier Versen. Jeder Vers ist in fünfhebigen Jamben gehalten. Das Reimschema wechselt mit den Strophen: Die erste zeigt einen umarmenden Reim (abba) und die zweite Strophe einen Kreuzreim (abab). In der ersten Strophe treten männliche Kadenzen auf, während weibliche Kadenzen die zweite Strophe bestimmen.

Erste Strophe

Erster Vers

Der einfache Bürger steht im ersten Vers im Mittelpunkt der Darstellung. Es ist kein konkreter, individueller Mensch, der benannt wird, sondern irgendeiner Bürger, der stellvertretend für alle anderen steht. Mit diesem Bürger passiert etwas scheinbar Unbedeutendes: Vermutlich weht ein starker Wind, dass ihm der Hut vom Kopf „fliegt“.[1] Die Handlung ist im Präsens geschildert. 

Der Bürger kann sich nicht mehr 'unter seinem Hut verstecken', denn der plötzliche Windstoß entblößt einen „spitzen Kopf“ .Das „spitz“ ist ungewöhnlich für die Beschreibung eines Kopfes, der ja rund ist.

Gemeint sein könnte damit die zu der Kaiserzeit typische kurzgehaltene Frisur der Männer, die durch den Hut hochgedrückt wird und nun wie eine Spitze zum Vorschein kommt. Darüber hinausgehend, spielt die Wortumstellung auf die Verdinglichung des Menschen an – ein Thema, das in der expressionistischen Lyrik sehr zentral ist: Der menschliche Kopf wird wie ein Gegenstand beschrieben.

Zweiter Vers

Die Macht der Natur verselbstständigt sich und beherrscht den Menschen. Dieser Gedanke wird auch in dem zweiten Vers weiter fortgeführt. Die  Hyperbel[2] „allen Lüften“  verleiht dem Vers einen verstärkenden Charakter. Das Bild wird um die Akustik erweitert, denn es ist ein Hall zu hören, der wie ein Schrei klingt.

Das „Hallen“ bezeichnet einen Ton, der tief und weit ist. Der Ton ist sehr weit ausgedehnt. Im  Gegensatz dazu klingt ein Schrei gewöhnlich eher hoch, kurz und prägnant. Beide Töne ergeben vermutlich zusammen einen sehr intensiven und alles umfassenden Ton. Dieser Schall trägt offensichtlich eine metaphorische Bedeutung und scheint das Gefühl der Angst vor dem „Weltende“  zu symbolisieren.

Die Verse eins und zwei sind durch das Motiv der starken Luft miteinander verbunden. Jeder Vers beschreibt aber ein Bild für sich.

Dritter Vers

Mit dem dritten Vers wird ein neuer Satz eröffnet. Das zuvor entworfene Motiv wird abrupt verlassen. Es ereignet sich ein Unfall, der nur lapidar benannt wird. Vielleicht ist es wie zuvor der starke Wind, der die Dachdecker zu Fall bringt und sie dem T...

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