Irmgard Keun

Der kurze Erfolg

Irmgard Keun wird am 6. Februar 1905 in Berlin-Charlottenburg als Tochter des wohlhabenden Importkaufmanns Ferdinand Keun und dessen Ehefrau Elsa Charlotte geboren. Fünf Jahre später kommt ihr Bruder Gerd zur Welt. 1913 zieht die Familie nach Köln-Braunsfeld, wo der Vater als Raffineriedirektor angestellt wird. 

Auf dem privaten evangelischen Teschner Lyzeum in Köln lernt Irmgard Englisch und Französisch. Sie besucht anschließend im Alter von 16 Jahren eine Handelsschule im Harz und nachfolgend lässt sie sich in einer Berlitz School in Stenografie und Schreibmaschine ausbilden. Sie arbeitet dann als Stenotypistin, unter anderem im Betrieb des Vaters. 

Die Autorin besucht von 1925 bis 1927 die Schauspielschule in Köln und erhält nachfolgend im Laufe der beiden nächsten Jahre Theater-Engagements in Köln, Hamburg und Greifswald. Sie beendet im Mai 1929 ihre Karriere als Schauspielerin, nachdem ihre Talente auf der Bühne nur mittelmäßig bleiben. In dieser Periode arbeitet sie auch manchmal als Model für Reklamefotos.

Die Begegnung mit Alfred Döblin 1929 weckt bei Irmgard Keuns den Wunsch, ein Buch zu schreiben. Sie kann zwei Jahre später ihren ersten Roman Gilgi, eine von uns (1931) veröffentlichen. Das Werk erfährt große Beachtung, aber ihr zweiter Roman Das kunstseidene Mädchen, der im Frühjahr 1932 erscheint, übertrifft den Erfolg der ersten Erzählung noch. Die 27-jährige Autorin wird über Nacht berühmt. Im selben Jahr heiratet sie den 23 Jahre älteren Theaterregisseur Johannes Tralow (1882-1962). Sie hatte vermutlich schon im Jahre 1926 eine intime Beziehung mit ihm, als er in Köln als Regisseur arbeitete.

Das Leben in Exil

Mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten endet Irmgard Keuns vielversprechend begonnene Karriere als Schriftstellerin abrupt. Bald schon steht ihr Name auf den schwarzen Listen und ihre beiden Bücher werden verboten und verbrannt. Die junge Autorin emigriert 1936 nach Belgien, während ihr Ehemann in Deutschland bleibt. Ihre Ehe wird im folgenden Jahr geschieden.

Zwischen 1936 und 1940 lebt Irmgard Keun in Belgien und in den Niederlanden im Exil und lässt in dieser Periode vier Romane in Exilverlagen erscheinen. Berühmte Autoren, wie Heinrich Mann, Ernst Toller, Ernst Weiß und Stefan Zweig, zählen nun zu ihren Freunden. Fast zwei Jahre lang hat sie ein Verhältnis mit dem österreichischen Schriftsteller Joseph Roth, der auch in Deutschland mit seinen beiden Büchern Hiob und Radetzkymarsch berühmt wurde. Nach dem Abschluss dieser Liebesbeziehung Anfang 1938 besucht sie ihren früheren Verlobten, den jüdischen Arzt Arnold Strauss, in den USA, kann sich jedoch ein Dasein als Arztgattin in Virginia nicht vorstellen und kehrt deshalb nach Amsterdam zurück.

Am 10. Mai 1940 besetzt die deutsche Wehrmacht die Benelux-Länder. Über Irmgard Keun kursieren Gerüchte, dass sie sich umgebracht habe. Sie befindet sich aber in einem Hotel in der Stadt Den Haag, wie sie selbst später in einem Brief berichtet:

„Als die deutschen Truppen in Holland einmarschierten, war ich in Amsterdam und bin von da in Den Haag geflohen. In ein kleines Hotel. Fast ohne Gepäck und ohne Papiere. Ich hatte mich so ziemlich damit abgefunden, nicht am Leben bleiben zu können und war verhältnismäßig ruhig. Vorher – als ich noch auf die Katastrophe wartete – war ich vor Angst fast verrückt geworden. Im Hotel habe ich dann einen Offizier von der deutschen Militärpolizei kennengelernt, ein etwas primitives Wesen – mehr Schwärmer als Fanatiker, mit Sucht nach Abenteuer und schwammiger Romantik, mit Minderwertigkeitsgefühlen und hilfloser Halbbildung, unpreussisch und nicht ganz ohne Humor. Den habe ich zersetzt. Natürlich war es gefährlich, aber ich hatte ja nichts mehr zu verlieren. Er hielt mich für eine englische Spionin, aber da hatte ich ihn schon so weit, dass er mir nichts mehr getan hätte. Er fand alles sehr interessant und aufregend, ich ersetzte ihm fast den Führer. Ich glaube, ein Buch hatte er noch nie gelesen. Jedenfalls hat er mir das Leben gerettet und ganz bewusst sein eigenes Leben dafür riskiert. Es hat mich noch nicht mal irgendwelche Konzessionen gekostet. Ich habe ihm eingeredet, dass er unerhört edel und mutig sei, und da war er 's denn. Er hat mir einen falschen Pass verschafft, indem er mich als Verwandte ausgab und für mich bürgte. Als sein Bataillon abrückte, bin ich mit dem falschen Pass nach Deutschland gefahren.“[1]

Der Rückkehr nach Deutschland

Während der Kriegsjahre hält sich Irmgard Keun unter falschem Namen in Köln auf und lebt dort unerkannt in ihrem zerstörten Elternhaus. Nach dem Zweiten Weltkrieg kann sie nicht an ihre literarischen Vorkriegserfolge anknüpfen. Verarmt arbeitet sie als Journalistin, für Rundfunk und Kabarett. Ihr Roman Ferdinand, der Mann mit dem freundlichen Herzen (1950) erzielt kaum Beachtung. Sie bringt 1951 ihre Tochter Martina zur Welt, will aber den Namen des Vaters nicht verraten.

Nach dem Tod ihrer Mutter 1962 spürt Irmgard Keun eine große Leere in sich. Die Traumen des Exils und des illegalen Lebens in Nazideutschland bewirken schließlich ihren Niedergang. Sie wird alkoholabhängig, medikamentensüchtig und schließlich entmündigt. Fast sieben Jahre verbringt sie ab 1966 in der psychiatrischen Abteilung des Landeskrankenhauses Bonn. Nach ihrer Entlassung lebte die Autorin zurückgezogen zunächst in Bonn und später in Köln. 

Durch Neuauflagen ihrer Bücher am Ende der 1970er Jahre verbessert sich ihre finanzielle Situation. Die Schriftstellerin wird 1981 mit dem Marieluise-Fleißer-Preis der Stadt Ingolstadt ausgezeichnet. Ein Jahr später, am 5. Mai 1982, stirbt Irmgard Keun im Alter von siebenundsiebzig Jahren an Lungenkrebs. Nach dem Tod der Autorin zeigte sich, dass die von ihr angekündigte Autobiografie, die den Titel „Kein Anschluss unter dieser Nummer“ tragen sollte, und von der sie gerne erzählte und aus der sie sogar Freunden am Telefon vorgelesen hatte, gar nicht existierte.

Bibliografie (Auswahl): 

Gilgi – eine von uns (1931) 

Das kunstseidene Mädchen (1932) 

Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften (1936)

Nach Mitternacht (1937) 

D-Zug dritter Klasse (1938) 

Kind aller Länder (1938) 

Bilder und Gedichte aus der Emigration (1947) 

Nur noch Frauen … (1949) 

Ferdinand, der Mann mit dem freundlichen Herzen (1949) 

Scherzartikel (1951) 

Wenn wir alle gut wären (Erzählungen, 1954) 

Blühende Neurosen (1962)

 

[1] „Wenn wir alle gut wären“ von Irmgard Keun, Brief an Hermann Kesten, 10, 10. 1946