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Inventur

Einleitung

Im Zweiten Weltkrieg diente Günther Eich als Unteroffizier. Sein erster Fronteinsatz erfolgte spät, und zwar erst im Jahr 1944. Zu seiner politischen Haltung in der NS-Zeit äußerte er selbst: „Ich habe dem Nationalsozialismus keinen aktiven Widerstand entgegengesetzt. Jetzt so zu tun als ob, liegt mir nicht.“ Eine Monografie von Heinz F. Schafroth aus dem Jahr 1976 zu Leben und Werk Günther Eichs urteilt diesbezüglich: „Eichs Position in den Jahren des Nationalsozialismus ist weder zu heroisieren, noch zu verurteilen.“ 

1945 geriet Günther Eich in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Diese Erfahrung kurbelte nicht nur seinen Schaffensprozess an, sondern beförderte auch die bekanntesten und bedeutendsten Gedichte des Lyrikers. Darunter auch „Inventur“, das 1947 in der Anthologie „Deine Söhne, Europa. Gedichte deutscher Kriegsgefangener“ erschienen ist, die von Hans Werner Richter, dem Leiter der Gruppe 47, herausgegeben wurde. Ein Jahr später nahm es der Dichter, der ab 1948 selbst der Gruppe angehörte, in seine erste Gedichtsammlung der Nachkriegszeit „Abgelegene Gehöfte“ auf. Das genaue Entstehungsdatum des Gedichts ist unbekannt, ebenso die Tatsache, ob der Dichter es in oder nach der Kriegsgefangenschaft verfasst hat. Die Forschung geht von der Entstehung in den Jahren 1945-1946 aus.

Der Begriff „Inventur“ bedeutet die Bestandsaufnahme der Vermögensteile und Schulden eines Unternehmens anlässlich der Erstellung einer Bilanz an einem bestimmten Stichtag. Der Begriff wird im Titel metaphorisch dazu verwendet, um einen Überblick über den Besitz eines Mannes im Deutschland der Nachkriegszeit zu bezeichnen. Vorgebracht als lakonische Aufzählung einzelner Gegenstände ist diese Aufzählung so simpel wie emotional aufgeladen. Günther Eichs „Inventur“ gilt als wegweisend für die Kahlschlags- und Trümmerliteratur. Es stellt eines der bedeutendsten Gedichte der Nachkriegszeit dar.

Form

Auf den ersten Blick wirkt das Gedicht sehr prosaisch. In den sieben Strophen zu je vier Versen gibt es kein einheitliches Metrum, kein Reimschema, die Verslängen und Kadenzen variieren unregelmäßig. Die zahlreichen Enjambements lassen die Verse offen und unabgeschlossen erscheinen. Der Satzbau ist parataktisch. Es werden nur wenige rhetorische Stilmittel verwendet. Im Fokus des Gedichts stehen die Substantive: Objekte, die durch Adjektive in ihren Eigenschaften und durch Verben in ihrer Funktion näher bestimmt werden.

Auf einen zweiten Blick lassen sich jedoch Regelmäßigkeiten innerhalb des Gedichts erkennen, die weniger prosaisch sind. So weist jeder Vers zwei Hebungen in einem Jambus, Trochäus oder Daktylus auf. Die syntaktischen Parallelen lassen den Klang der Verse gleichmäßig erscheinen, sie führen sogar zu grammatikalischen Reimen. Auch die kunstvolle Verwendung der Vokale spricht gegen eine Sichtweise des Gedichts als Prosa.

Analyse

Strophe 1

Die erste Strophe bildet eine syntaktische Einheit. Sie beginnt mit der Anapher „Dies ist mein“ (V. 1f.). Darüber hinaus werden die beiden Verse durch die Alliterationenmeine Mütze“ (V. 1) und „mein Mantel“ (V. 2) sowie den parallelen Aufbau klanglich geprägt. Das Demonstrativpronomen „Dies“ (V. 1f.) sowie das Adverb „hier“ (V. 3) lassen den Bericht des Lyrischen Ichs nicht wie eine bloße Aufzählung, sondern wie eine Schau der in seinem Besitz befindlichen Objekte erscheinen.

Die dreifache Repetitio des Possessivpronomens „mein“ sorgt nicht nur für eine klangliche Verknüpfung zwischen den Versen, sondern verdeutlicht auch die emotionale Bindung des Lyrischen Ichs an seine Besitztümer. Es macht ebenso deutlich, dass der Sprecher viel Wert darauf legt, diese Gegenstände als sein Eigentum und ihm zugehörig zu markieren, so als hätte er große Angst vor dem Verlust der Objekte.

Die Verse drei und vier liefern wichtige Hinweise auf den Sprecher, sie sind durch ein Enjambement miteinander verbunden. Da er „Rasierzeug“ (V. 3) mit sich führt, können wir annehmen, dass es sich um eine männliche Person handelt. Da sich das Rasierzeug „im Beutel aus Leinen“ (V. 4) befindet, lässt sich erahnen, dass er sich entweder in Gefangenschaft in einem Lager befindet oder im Deutschland der Nachkriegszeit ohne einen festen Wohnsitz auf der Straße sein Leben zubringt.

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