Interpretation

Mit „Prinz Friedrich von Homburg“ erschuf Kleist ein bedeutendes Werk des deutschen Literaturkanons. Der Abschnitt „Interpretation“ beleuchtet vor allem die facettenreiche Persönlichkeitsentwicklung des Protagonisten Homburg sowie die Haltung des Kurfürsten und den daraus sich entwickelnden Konflikt der beiden Figuren. Die Insubordination bzw. Befehlsverweigerung des Prinzen soll ebenfalls umfangreich in den Blick genommen werden. Die Interpretation stellt außerdem die Frage nach der eventuellen Versöhnung Homburgs mit der preußischen Gesellschaft. Da Traum und Wirklichkeit innerhalb des Dramas oftmals ineinander verschwimmen, wird diesem Motiv  gesonderte Aufmerksamkeit gewidmet.

Gefühl oder Verstand

In Kleists Drama „Prinz Friedrich von Homburg“ vereinen sich die Problematiken von Vernunft und Gesetz auf der einen sowie Traum und Gefühl auf der anderen Seite. Etwa zur gleichen Zeit wie das zu betrachtende Schauspiel wird ein Essay von Kleist im Berliner Abendblatt veröffentlicht. Er trägt den Titel „Über das Marionettentheater“, in ihm illustriert der Autor sein Grundthema und die Frage, ob Gefühl oder Verstand das menschliche Verhalten steuert.

Kleist entwirft innerhalb des Essays eine dreistufige Entwicklung der Figuren. Die erste Stufe beschreibt einen Zustand, der fast schon als paradiesisch zu bezeichnen ist: Die unbewusste Übereinstimmung des Menschen mit sich selbst. Auf der zweiten Stufe sind die Individuen durch Erkenntnis und Reflexion geprägt, was zu einer verwirrenden Störung der ganzen Person führt und nicht selten damit endet, dass der Mensch sich mit sich selbst entzweit. Die dritte Entwicklungsstufe ermöglicht es hingegen, durch Erkenntnis den inneren Zwiespalt zu überwinden. Auf diese Weise gelangt das Individuum zu einer höheren Ebene des Bewusstseins, so Kleist in seinem bekannten Essay. Bezieht man nun den Inhalt des in der Zeitung erschienenen Textes des Autors auf dessen Drama, so ergeben sich durchaus erkennbare Parallelen.

Wendet man  Kleists Gedankengänge auf Homburg an, so befindet sich der Prinz zu Beginn des Geschehens in einem einer Marionette gleichenden subjektiven und unbewussten Zustand. Aus diesem Unbewussten resultieren auch seine Worte und Gesten. Graf Hohenzollern spricht gar von einer „Unart seines Geistes“ (S. 8).

Die zweite Stufe der Entwicklung des Prinzen ist dadurch gekennzeichnet, dass die Realität regelrecht über ihn hereinbricht. Er muss die Normen und Regeln und deren Durchsetzungsinstanzen, wie beispielsweise das Kriegsgericht, zur Kenntnis nehmen. Darüber hinaus muss er realisieren, dass Verstöße gegen Gesetze ernsthafte und bedrohliche Folgen haben. Er ist zunehmend verwirrt und verliert seine innere Balance. Dass er sich bei seiner Gefangennahme zur Wehr setzen will, verdeutlicht die Störung seines inneren Gleichgewichts (S. 47f.). Homburgs Gefühlssicherheit bricht endgültig zusammen, als er von Graf Hohenzollern erfährt, dass er selbst die Heiratspläne des Kurfürsten für Prinzessin Natalie stört. Als Preis für seine Begnadigung verzichtet er sogar auf eine Eheschließung mit ihr (S. 59). Sein übersteigerter Subjektivismus bricht beim Anblick des Grabes, das für ihn bestimmt ist, ebenfalls zusammen.

Homburg erreicht die dritte Stufe seiner Entwicklung, als er durch die Begnadigung aus seinem Todesrausch gerissen wird. Kanonendonner holt ihn gewaltsam in die Realität zurück (S. 94). Er fragt sogleich, ob dies ein Traum sei, und Kottwitz antwortet „Ein Traum, was sonst?“ (S. 96). Sowohl Frage als auch Antwort spielen auf den neuen, utopischen Charakter des Schwerpunktes an. Der Prinz von Homburg ist nun nicht mehr marionettenartig, sondern wird fast schon göttlich verehrt: „Heil! Heil! Heil! Dem Sieger in der Schlacht bei Fehrbellin!“ (S. 96).

Schlussfolgernd lässt sich also feststellen, dass sich Kleists Aufsatz „Über das Marionettentheater“ durchaus als Schlüssel zum Verständnis des Dramas eignet.

Individuum vs. Gesellschaft

Ruhm und Liebe

Der Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft kann als zentrales Thema des Stückes betrachtet werden. Das „alte Preußen“, also das Preußen des Kurfürsten, tritt im Drama nicht nur als gesellschaftliche Macht auf, sondern wird am Ende sogar glorifiziert: „In Staub mit allen Feinden Brandenburgs!“ (S. 96). Einige Literaturwissenschaftler bezeichnen das Stück aus diesem Grund sogar als Erziehungsroman: Das Thema sei die Erziehung des Prinzen von Homburg von schwärmerischer Gefühlsanarchie hin zum Preußentum.

Homburg träumt von Ruhm, Ehre und Liebe. Als er gegen den Befehl des Fürsten in die Schlacht von Fehrbellin eingreift, setzt er sich über eine Vorschrift hinweg und handelt aus reiner Willkür (S. 32). Dem Prinzen sind seine persönlichen Wünsche und das Streben nach dem Sieg wichtiger als die Probleme des Landes. Bei seiner Verhaftung zeigt er sich blind für die Gesetze, die er gebrochen hat und somit auch für die Realität: „Ich, ein Gefangener? […] Freunde helft, ich bin verrückt!“ (S. 47). Nach der Schlacht war er der festen Überzeugung, seinen beiden ursprünglichen Zielen näher gekommen zu sein: dem Ruhm und der Liebe Natalies.

Er kann zunächst nicht begreifen, dass in seiner Situation beides hinfällig ist. Als er am Grab vorbeikommt, das für ihn ausgehoben wird, bemerkt er endlich, dass alles nur eine Illusion war. Durch die Begnadigungsbedingung will der Kurfürst den unbedingten Gehorsam des Prinzen erzwingen. Er soll seinen letz...

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