Rezension

In Heinrich von Kleists „Michael Kohlhaas“ verfolgt der Leser die Geschichte des gleichnamigen Pferdehändlers, der von Junker Wenzel von Tronka um zwei Rappen betrogen wird. Alle seine juristischen Versuche, gegen den Junker vorzugehen, scheitern. Als dann auch noch seine Frau umgebracht wird, begibt sich Kohlhaas auf einen blutigen Rachefeldzug, der erst durch Martin Luther beendet werden kann. Wieder auf dem Rechtsweg angelangt, scheitert Kohlhaas durch verschiedene Intrigen in Dresden in seinem Vorhaben, sein Recht durchzusetzen, und wird zum Tode verurteilt. Allerdings wird er vom Kurfürsten von Brandenburg befreit und nach Berlin gebracht. Hier gewinnt er zwar den Prozess gegen den Junker, muss aber seine Rechtsverstöße mit dem Leben bezahlen.

Die Novelle ist in typischer Weise nach dem Muster des klassischen Dramas aufgebaut. Der anfängliche Betrug an Kohlhaas markiert den Beginn einer Handlung, die sich gewalttätig steigert und mit Martin Luthers Intervention ihren Höhepunkt erreicht. Danach fällt die Handlung ab und endet sowohl in einer Katastrophe, Kohlhaas Hinrichtung, als auch in einer Lösung, dem juristischen Sieg des Pferdehändlers über den Junker.

Die sprachliche Virtuosität weist von Heinrich von Kleist „Michael Kohlhaas“ als eine Erzählung höchsten Ranges aus. Aber damit ist es nicht genug, tritt mit dem Helden doch eine Figur vor uns, die ambivalenter nicht sein könnte. In ihrer verbinden sich sowohl das Aufbegehren des Bürgertums gegen den korrupten Adel als auch die unbändige, blinde Wut eines stolzen Menschen, der für sein persönliches Recht eintritt. Kleist hat somit eine Figur geschaffen, bei der es sehr leicht, sie zu lieben und gleichzeitig zu hassen. Jedoch erscheint uns Michael Kohlhaas, abgesehen von seiner Gewalttätigkeit, als eine durch und durch positive Figur, da er angesichts einer Staatsmacht, der die rechtliche Integrität des Einzelnen nichts bedeutet, auf verlorenem Posten steht.

Trotz der Tatsache, dass die Handlung im 16. Jahrhundert angesiedelt ist, hat Kleist es vermocht, in seiner Novelle auch Zeitkritik zu üben. Das Aufbegehren des Helden gegen absolutistische Herrscher steht mustergültig für die Haltung des Sturm und Drang und für die zunehmende Kritik des Bürgertums am Adel zu Anfang des 19. Jahrhunderts. Darüber hinaus ist die Thematik der Novelle noch heute brandaktuell. Angesichts der zunehmenden Überwachung durch die Staatsgewalt muss neuerlich die Frage gestellt werden, worin sich die Integrität des Bürgers als Rechtssubjekt begründet und wann sie verletzt wird. Und auch die Frage, welche Berechtigung der Widerstand gegen den Staat angesichts stetig beschnittener Rechte hat, und wie dieser zu leisten und moralisch zu vertreten ist, ist heute wie damals zu diskutieren.