Recht und Gerechtigkeit

Das Rechtsempfinden des Michael Kohlhaas und der Rechtsbruch des Junkers

Die Frage nach Gerechtigkeit basiert auf dem Rechtsgefühl der Hauptfigur. Michael Kohlhaas ist „das Muster eines Staatsbürgers“ (S.7), der über einen Sinn für Recht verfügt, der „einer Goldwaage glich“ (S.11). Dieses überaus sensible Rechtsempfinden macht Kohlhaas zum „rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Mensch[en] seiner Zeit“ (S.7). Sein Rechtsgefühl wird ihn aber auch „zum Mörder“ (ebd.) machen. Somit ist die Ambiguität des Charakters beschrieben, die ihren Ausdruck auf der einen Seite in der staatsphilosophischen Haltung und auf der anderen Seite in seinem gewalttätigen Rachefeldzug findet.

Die Ausgangslage für die Problematik des Rechts und Gerechtigkeit bildet die Einfuhr von Pferden durch Kohlhaas nach Sachsen. Wenzel von Tronka nimmt zwei Rappen unrechtmäßig an sich, dadurch wird zum einen die Willkürherrschaft des absolutistischen Herrschers gezeigt und zum anderen auf das System des Merkantilismus[1] verwiesen. Obwohl Kohlhaas ein stolzer Staatsbürger ist, nimmt er den Rechtsbruch des Junkers nicht schwer. Er erfährt in Dresden zwar, dass das vermeintliche Wegerecht des Junkers ein „Märchen“ (S.10) ist, dennoch „kehrt er, ohne […] ein bittere[s] Gefühl […] zur Tronkenburg zurück“ (ebd.) und muss sogar über „den Witz des dürren Junkers“ (ebd.) lachen. Diese Einstellung der Figur ändert sich erst dann, als er seine einst stattlichen Rappen als „ein paar dürre, abgehärmte Mähren“ (S.11) auf der Tronkenburg vorfindet. Trotz der „Ohnmacht“ (ebd.) gegenüber diesem Vergehen gegen sein Eigentum „verbiss […] [er] seinen Ingrimm“ (ebd.). Michael Kohlhaas Verständnis von Recht gerät aus dem Gleichgewicht, er ist sich aber noch nicht im Klaren darüber, wie er den Rechtsbruch des Junkers zu bewerten hat, denn „sein Rechtsgefühl, das einer Goldwaage glich[,] wankte noch […][,] noch nicht gewiss, ob eine Schuld seinen Gegner drücke“ (ebd.).

Positives Recht

Gleichwohl verlässt sich Michael Kohlhaas, nachdem er die Schuld seitens des Junkers festgestellt hat, noch auf die staatlichen Institutionen. Das heißt, er beruft sich auf das positive Recht. Das bedeutet, Kohlhaas beruft sich auf die Gesetze, die vom Staat festgelegt sind und durch die herrschende Rechtsprechung durchgesetzt werden. Das positive Recht verschafft den Individuen in einem Staat Rechtssicherheit, denn die Gesetze sollten bestimmte, vorhersehbare Urteile hervorbringen und somit offensichtliche Rechtsbrüche bestrafen. Diese Gesetze sollten darüber hinaus überindividuell für jedes Mitglied der Gesellschaft gelten, und zwar auch dann, wenn sich die Individuen nicht mit ihnen identifizieren können. Daher legt Michael Kohlhaas Rechtsmittel gegen den Junker ein. Allerdings wird seine korrekte Klage „gänzlich niedergeschlagen“ (S.17) und er erhält eine beleidigende „Resolution der Staatskanzlei“ (S.19), die ihm untersagt, weitere Schritte in seiner Sache zu unternehmen. Auch die  „Supplik […] an den Kurfürsten von Brandenburg“ (S.18) wird abgewiesen. Somit besteht das positive Recht nicht mehr, denn weder in Brandenburg noch in Sachsen kommt die Staatsgewalt ihrer Pflicht nach, im Falle offensichtlicher Rechtsbrüche ein objektives und gerechtes Urteil zugunsten des Geschädigten zu fällen. Ein eigentlich durch Wertneutralität gegebenes, positives Recht ist nicht vorhanden, da sich Wenzel von Tronka durch Vetternwirtschaft mit Hinz und Kunz von Tronka und Graf Kallheim seiner gerechten, juristischen Verfolgung entziehen kann. Damit ist der Gesellschaftsvertrag gebrochen und darüber hinaus wird Michael Kohlhaas als Mensch auch in seinem Naturrecht verletzt (siehe Die Kränkung des Staatsbürgers und das Naturrecht), wenngleich Kohlhaas „über den Ausgang seiner Rechtssache beruhigt“ (S.19) ist und noch an den Gesellschaftsvertrag glaubt.

Die Kränkung des Staatsbürgers und das Naturrecht

Michael Kohlhaas Würde als Staatsbürger wird spätestens dann verletzt, wenn der Junker ihn beschimpft („H... A...“ = Hans Arsch, S.12). Damit ist das Naturrecht gebrochen, das besagt, dass jeder Mensch unabhängig von Herkunft, Alter, Geschlecht oder Religion über unveräußerliche Rechte verfügt. Demnach sind alle Menschen gleich und frei geboren. In Michael Kohlhaas spiegelt sich die Verletzung des Naturrechts dadurch wider, dass er „kraft der ihm angeborenen Macht“ (S.25, das Naturrecht) gegen den Junker vorgeht. Das Naturrecht ist äquivalent zum Gesellschaftsvertrag, den Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) in seinem Werk „Du contrat social ou Principes du droit poit politique“ (Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechts, 1762) entwickelte. Nach den Ideen des Aufklärers lebten die Menschen einst in einem Naturzustand. Als sie sich zu Gesellschaften zusammenschlossen, übernahm die Staatsgewalt die Aufgabe, die Bürger in Bezug auf ihre Rechte und ihr Eigentum zu beschützen. Im Gegenzug gibt das Volk Teile seiner Freiheiten auf, damit der Staat seine Schutzfunktion übernehmen kann. Die Verletzung dieses Vertrags liegt in „Michael Kohlhaas“ vor, was die Hauptfigur selbst artikuliert:

„Verstoßen[...] nenne ich den, dem der Schutz der Gesetze versagt ist! Denn dieses Schutzes, zum Gedeihen meines friedlichen Gewerbes, bedarf ich; ja, er ist es, dessenhalb ich mich mit dem Kreis dessen, was ich erworben, in diese Gemeinschaft flüchte; und wer ihn mir versagt, der stößt mich zu den Wilden der Einöde hinaus.“ (S.37)

Damit spricht Michael Kohlhaas den Verstoß gegen die Schutzfunktion des Staates an, der durch den willkürlichen Diebstahl der Rappen durch den Junker verkörpert wird. Damit ist sowohl Michael Kohlhaas' Eigentumsrecht nicht mehr sicher als auch seine Freiheit als Händler eingeschränkt. Dass er sich gleichsam „zu den Wilden der Einöde“ verstoßen fühlt, verweist auf den Naturzustand des Menschen, in dem es keine garantierte Rechtssicherheit durch den Staat gab. Daher fühlt er sich auch in seinem Naturrecht verletzt, wenn er „[l]ieber ein Hund sein [will], wenn ich mit Füßen getreten werden soll, als ein Mensch!“ (S.23) und ge...

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