Rezeption und Kritik

Einschätzungen anderer Literaten

Während Heinrich von Kleist heute als Schriftsteller höchsten Ranges begriffen wird, war er zu seiner Zeit eher ein Außenseiter, da er mit der Art und Weise, wie er die Themen Gewalt und Erotik aufgriff, oftmals gegen gesellschaftliche Tabus verstieß. Allerdings erregte „Michael Kohlhaas“, etwa im Vergleich zu „Die Marquise von O...“[1] (1807), weniger Aufsehen. Es sind nicht viele zeitgenössische Urteile über die Erzählungen überliefert, aber die vorhandenen sind überwiegend positiv formuliert. Diese Einschätzungen stammten zumeist von Romantikern, mit denen Kleist auch privaten Kontakt pflegte. So lobten Clemens Brentano, Achim von Arnim und die Gebrüder Grimm die Novelle in den höchsten Tönen.[2] Auch E.T.A. Hoffmann und Ludwig Tieck reihen sich in die Bewunderer des Textes ein.[3]

Goethe äußerte sich angeblich zu „Michael Kohlhaas", direkte Belege dafür sind nicht mehr vorhanden. So behauptet Johannes Falk, dass Goethe die Meinung vertreten habe, dass der Text in seiner Fokussierung auf das einzelne Schicksal des Michael Kohlhaas eine Krankhaftigkeit aufweise, die er wohl auf das gesamte Werk von Heinrich von Kleist bezogen wissen wollte.[4] Wie berechtigt oder unberechtigt Goethes Kritik auch gewesen sein mag, feststeht jedoch, dass erst am Ende des 19. Jahrhunderts das Interesse am Werk Heinrich von Kleists einsetzt. Dabei wurden der Autor und das Werk gleichgesetzt und Kleist als Dichter der Todessehnsucht und des Weltschmerzes überhöht.

1825 äußert sich Heinrich Heine voller Bewunderung über den „Kohlhaas“ und äußert sich dahin gehend, dass er nun verstehen könne, warum Kleist sich erschossen habe.[5] 1835 sieht Friedrich Hebbel in seinem Aufsatz „Über Theodor Körner und Heinrich von Kleist“ in „Michael Kohlhaas“ die Grässlichkeit des Lebens bestens beschrieben. Einige Jahrzehnte später erkennt Theodor Fontane 1872 in „Michael Kohlhaas“ eine gelungene Erzählung, die zum Ende hin aber abflacht und nichts Bedeutendes mehr beinhaltet.[6] Diese Auffassung vertritt auch Franz Kafka.[7]

Michael Kohlhaas durch die Geschichte

So zwiespältig die Kritik der bedeutenden Literaten ausfällt, so zwiespältig verläuft auch die spätere, ideologische Vereinnahmung des „Michael Kohlhaas“. Im Deutschen Kaiserreich wurde Michael Kohlhaas als preußischer Held gefeiert, der die typische deutsche Kämpfernatur und Unbeugsamkeit zeige. In der Weimarer Republik wurde diese Einschätzung noch weiter getrieben, sodass die Linke Michael Kohlhaas in seinem Widerstand gegen die Obrigkeit als Vorläufer der proletarischen Arbeiterbewegung begriff. Doch beschränkte sich die Stilisierung von „Michael Kohlhaas“ nicht nur auf das linke Spektrum.

Im Nationalsozialismus wurde Kohlhaas zur Verherrlichung des Faschismus benutzt. Man erkannte in ihm nun die Verkörperung des germanischen Rechtsgefühls, das sich mit der Unterwerfung des Einzelnen unter die Herrschaft der Nationalsozialisten erfülle. Nicht umsonst bemerkt Jean Cassou in seinen Aufsatz „Kleist et le somnambulisme tragique“ polemisch eine auffällige Parallelität zwischen Michael Kohlhaas und Adolf Hitler, beruhend auf den Minderwertigkeitskomplexen und den nicht begründeten Ansprüchen. Zweigeteilt ist die Rolle Kleists auch nach dem Zweiten Weltkrieg.

In der DDR ging man zunächst auf Abstand zu dem Autor, da er zum einen von den Nazis vereinnahmt wurde, zum anderen durch seine adlige Herkunft nicht mit der Parteinahme der Sozialisten für die durch den Feudalismus Unterdrückten vereinbar war. Ganz anders stellte sich die Situation im Westen Deutschlands dar. Hier erkannte man ab den 1960er Jahren, dass Kleist ein Autor höchsten Ranges ist, der unverzichtbar für den deutschen Literaturkanon ist.

Aber auch außerhalb der westdeutschen Literaturwissenschaft blieb der „Kohlhaas“ nicht ohne Wirkung. So wurde er schnell zur Identifikationsfigur der Intellektuellen der Studentenbewegung Ende der 1960er Jahre. Mit Volker Schlöndorffs Film „Michael Kohlhaas – Der Rebell“ 1969 wurde eine Phase eingeleitet, in der die Figur als früher Vorläufer des modernen Terroristen verstanden wird. Mit seinem Widerstand gegen die Staatsgewalt wurde er nun auch im Kontext der Handlungen der Roten Armee Fraktion (RAF) gelesen. Dabei diente die Funktionalisierung der Figur in Bezug auf den politischen Terrorismus entweder dazu, diesen zu verurteilen oder zu befürworten. Die Widersprüchlichkeit und Mehrdeutigkeit des Textes, die nebenbei die hohe literarische Güte der Novelle zeigt, zogen somit konsequenterweise eine Vielfalt von politischen und ideologischen Vereinnahmungsversuchen nach sich.

Künstlerische Adaptionen

Neben dieser Vereinnahmung löste Kl...

Der Text oben ist nur ein Auszug. Nur Abonnenten haben Zugang zu dem ganzen Textinhalt.

Erhalte Zugang zum vollständigen E-Book.

Als Abonnent von Lektürehilfe.de, erhalten Sie Zugang zu alle E-Books.

Erhalte Zugang für nur 4,99 Euro pro Monat

Schon registriert als Abonnent? Bitte einloggen