Historische und literarische Quellen

Es liegen keine Notizen, Briefe o. Ä. aus der Hand Heinrich von Kleists vor, die sich auf die Entstehungszeit des „Michael Kohlhaas“ datieren lassen. Das fehlende Wissen um die Entstehungsumstände ist im Falle der Werke von Heinrich von Kleist ohnehin der Regelfall, nur einige Dokumente existieren, die Auskunft über die Arbeit an bestimmten Werken geben können. Einzig eine Bemerkung findet sich bezüglich der Novelle in einem nicht datierten Brief an seinen Verleger Reimer aus dem Jahr 1810, in dem Kleist den baldigen Abschluss der Arbeit an der Erzählung in Aussicht stellt.

Kleist kommt wohl um 1804 / 1805 erstmals mit der Thematik des betrogenen Pferdehändlers in Berührung. Unklar ist aber bis heute allerdings, auf welchem Wege Kleist vom historischen Hans Kohlhase erfährt. In seinen Aufzeichnungen behauptet Wilhelm Schütz, dass Ernst Pfuel, ein Freund Kleists, 1804 die Geschichte an den Autor herangetragen habe. Plausibel erscheint dies insofern, als dass Pfuel schon davor des Öfteren Einfluss auf die Arbeit von Kleist genommen hat und ihm durch die Bekanntmachung mit dem historischen Stoff eventuell eine ansprechende Möglichkeit geben will, das Fiasko, das sich im Jahr zuvor (1803) im Rahmen der Tragödie „Guiskard“ ereignet hat, vergessen zu machen.

Andererseits erfährt Kleist aber auch aus Christian Schöttgens und Georg Christoph Kreysigs „Diplomatische und curieuse Nachlese der Historie von Ober-Sachsen und angrentzenden Ländern“ (1731) von der Rachegeschichte. Dieser Text beinhaltet einen Auszug aus der „Märkischen Chronic“, in der ein Peter Hafftiz eine 10-seitige „Nachricht von Hans Kohlhasen“ verfasst hat. Fest steht jedoch, dass besagter Hans Kohlhase die stoffliche Grundlage für Kleists Novelle bildet.

Der Text, der den Untertitel „Aus einer alten Chronik“ trägt, verweist selbst darauf, dass Kleist sich hier eines historischen Stoffes bedient. Hans Kohlhase lebte in Brandenburg und es ist historisch verbürgt, dass ihm am 1.Oktober 1532 auf dem Weg zur Leipziger Messe durch den Junker von Zaschwitz zwei Pferde weggenommen wurden. Kohlhase stand hier aber unter dem Verdacht, die Pferde gestohlen zu haben. Kohlhase ging juristisch gegen die Willkür des Junkers vor, begab sich auf einen Rachefeldzug, an dessen Ende er am 22. März 1540 in Leipzig hingerichtet wurde.

 Als weitere Quellen verwendet Kleist wahrscheinlich Balthasar Menz' „Stambuch und kurtze Erzehlung vom Ursprung und Hehrkommen der Chur und Fürstlichen Häuser Sachsen/Brandenburg samt etlichen derselben Bildnüssen wie sie im Schloß zu Wittenberg zu finden“  (1598) und Nicolaus Leutingers „Opera omnia“ (1729). In letzterem Text wird beschrieben, wie der dänische König Christian II. (1418-1559) 1523 durch eine Adelsrevolte zu Fall gebracht wird. Hier wird die dänische Namensform „Christiern“ verwendet; auch im Text begegnet uns mit Prinz Christiern von Meißen dieser Name, sodass die Vermutung angestellt werden kann, dass Kleist dieser Text bekannt war. Andererseits könnte Kleist dieser Name auch in Anselm Feuerbachs staatstheoretischem Text „Anti-Hobbes“ (1797) begegnet sein, in dem derselbe Fall des dänischen Königs als legitime Auflehnung gegen die Obrigkeit angeführt wird.

Außerdem ist es offensichtlich, dass Kleist Jean-Jacques Rousseaus „Le contrat social“ (1762) nicht unbekannt war. In dieser Schrift entwickelt Rousseau die Theorie eines Gesellschaftsvertrags. Nach diese...

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