Einflüsse verschiedener Strömungen

„Michael Kohlhaas“ und die Romantik

„Michael Kohlhaas“ weist einige Elemente auf, die eine teilweise Zuordnung des Werkes zur Romantik ermöglichen. Das augenfälligste Merkmal ist die stoffliche Basis der Novelle. Für die Romantik insgesamt war die Hinwendung zu deutschen historischen Stoffen bzw. die Rückbesinnung auf das Mittelalter charakteristisch. Heinrich von Kleist hat für seinen „Michael Kohlhaas“ die historisch verbürgte Geschichte des Hans Kohlhase aufgegriffen und bearbeitet.

Die Konzeption des Textes kann vor dem Hintergrund der Romantik dann auch kein Zufall sein, entstand diese Epoche doch während des Übergangs von der feudalen zu der bürgerlichen Gesellschaft. Die Entwicklung des bürgerlichen Selbstbewusstseins spiegelt sich darin wider, dass der Hauptprotagonist des Textes für sein Recht als (bürgerlicher) Staatsbürger eintritt und sich gegen die adlige Obrigkeit auflehnt. So wie es in der Romantik typisch ist, wird im Text der Versuch unternommen, einen Ausgleich zwischen der Krise der Gesellschaft (hier: der Willkür des Adels) und der individuellen Lebenspraxis (hier: dem Kampf des Kohlhaas um sein Recht) zu schaffen. Am Ende gelingt dies sogar, da Kohlhaas gegen Wenzel von Tronka siegt. Gleichzeitig scheitert dieser Ansatz aber, da Kohlhaas seinen Rachefeldzug sühnen und sterben muss.

Die ironische Darstellung der Adligen und die erzähltechnische Fokussierung auf Michael Kohlhaas, die den Leser mit der Figur solidarisieren soll, sprechen dafür, dass Heinrich von Kleist dem Leser die Willkür des Adels und die schwache Rechtsposition des Bürgertums vor Augen führen wollte. Darüber hinaus ist die Novelle als Textform in der Romantik sehr beliebt; Kleists trägt dieser Entwicklung der Romantik nicht nur mit „Michael Kohlhaas“ Rechnung, sondern schafft auch mit seinen Erzählungen nach Goethe den ersten ernst zu nehmenden Novellen-Zyklus der deutschen Literaturgeschichte. Daneben ist die märchenhafte Anlage des Textes ein Hinweis auf den Einfluss der Romantik auf den Text. Mit der Episode um die Zigeunerin ist etwas Mythisches, Geheimnisvolles in den Text eingelassen, das auf das Übernatürliche verweist. In der Romantik hat dieses Element seinen Niederschlag in der Entwicklung des romantischen Schauerromans gefunden.

Im Unterschied zur Romantik kreiert Kleist aber keine Gegenwelt zur Wirklichkeit, in die man fliehen könnte. Er fokussiert sich direkt auf die Wirklichkeit; darin unterscheidet er sich von der romantischen Literatur. Gleichwohl bezieht sich Kleist nicht direkt auf die gesellschaftlichen Zustände seiner Zeit, wenn er einen mittelalterlichen Stoff verarbeitet und die Handlung weiterhin im 16. Jahrhundert spielt. Der Bezug zur Zeit Kleists wird dadurch hergestellt, dass ein Chronist als Erzähler auftritt, der als Zeitgenosse Kle...

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