Sprache und Stil

Komplexer Satzbau

Heinrich von Kleists Sprache in „Michael Kohlhaas“ ist von hoher syntaktischer Komplexität gekennzeichnet. Für den Autor typisch findet sich ein bis ins Äußerste gesteigerter hypotaktischer Satzbau, der von extrem langen, verschachtelten Sätzen geprägt ist. Der Hauptsatz ist dabei von zahlreichen Nebensätzen durchbrochen, wie das folgende Beispiel exemplarisch zeigt:

Ich, der mit meinem Haufen eben in einem Wirtshause abgestiegen, und auf dem Platz, wo dieser Vorfall sich zutrug, gegenwärtig war, konnte hinter allem Volk, am Eingang einer Kirche, wo ich stand, nicht vernehmen, was die wunderliche Frau den Herren sagte; dergestalt, daß, da die Leute lachend einander zuflüsterten, sie teile nicht jedermann ihre Wissenschaft mit, und sich des Schauspiels wegen[,] das sich bereitete, sehr bedrängten, ich, weniger neugierig, in der Tat, als um den Neugierigen Platz zu machen, auf eine Bank stieg, die hinter mir im Kircheneingange ausgehauen war.“ (S.68)

Der Hauptsatz (fett markiert) macht nur einen Bruchteil des gesamten Satzes aus. Gleichzeitig wird klar, dass er nicht allein stehen kann und weitere Erläuterungen nötig sind, um ihn zu vervollständigen, im vorliegenden Fall durch den Objektsatz „was die wunderliche Frau den Herren sagte“. Somit verliert der Hauptsatz in Kleists Sprache seine syntaktische Dominanz. Er fungiert als eine Art Vorausdeutung, die durch die folgenden Nebensätze vervollständigt werden muss.

Dieser Satzbau entspricht den theoretischen Überlegungen des Autors. Für ihn bestehen zwei Möglichkeiten, einen Gedanken auszudrücken. Die erste, die sich in „Michael Kohlhaas“ nicht findet, liegt dann vor, wenn ein Gedanke vor der Niederschrift voll ausgeprägt ist. Die zweite Variante ist dann gegeben, wenn sich der Gedanke erst in der Rede fortentwickelt. Genau so lassen sich die Sätze Kleists lesen: Wir verfolgen, wie die Erzählerstimme immer neue Aspekte in ihre Rede aufnimmt, so als würde sie in diesem Moment einen Gedanken entwickeln und ihm Ausdruck verleihen. Daraus resultieren zwangsläufig die hohe Komplexität der Sprache und der Eindruck von Simultanität (Gleichzeitigkeit), d.h. man gewinnt den Eindruck, dass die Erzählstimme erst im Moment des Erzählens ihren komplexen Gedanken Ausdruck verleiht.

Zur Verknüpfung der Teilsätze werden vorwiegend die Konjunktionen „dergestalt, dass“ und „indem“ verwendet. Kleist staut die Sätze derartig an, dass sie einen unheimlichen Sog auf ihr Ende hin entwickeln. Dieser Stil kann als anstrengend empfunden werden. Andererseits en...

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