Erzähltechnik

Merkmale

Der Erzähler in „Michael Kohlhaas“ schildert das Geschehen unverkennbar aus einer großen zeitlichen Distanz, was der Untertitel „Aus einer alten Chronik“ verdeutlicht. Der Erzähler ist somit nicht selbst der Chronist der Handlung, sondern bezieht seine Kenntnisse aus einer alten Geschichte.

Der letzte Satz des Textes verdeutlicht dabei, wie groß die zeitliche Distanz zwischen der Erzählzeit und der erzählten Zeit ist, denn hier wird davon gesprochen, dass „noch im vergangenen Jahrhundert im Mecklenburgischen einige frohe und rüstige Nachkommen gelebt [haben]“ (S.85). Es liegen demnach einige Hundert Jahre zwischen der Handlung und dem Erzählakt. Da die Handlung im 16. Jahrhundert spielt und der Erzähler als Chronist einer vergangenen Zeit auftritt, kann der Erzähler daher als ein Zeitgenosse Heinrich von Kleists begriffen werden.

Der Schriftsteller tritt dabei als auktorialer Erzähler auf, der eine lineare Handlung wiedergibt, die nur zwei Mal durch Rückblenden unterbrochen wird (Zigeunerin-Episode). Daher hat die Erzählinstanz den Überblick über die gesamte Handlung. Schon im ersten Satz des Textes wird dies deutlich, wenn der Erzähler Michael Kohlhaas einen „der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit“ (S.7) nennt. Hier ist erkennbar, dass der Erzähler um den weiteren Verlauf der Handlung bzw. die noch ausstehenden Verbrechen des Michael Kohlhaas weiß.

Die Funktion der Dokumente

Die auktoriale Erzählweise und der Stil einer Chronik werden dadurch untermalt, dass immer wieder Dokumente im Text erwähnt werden, die der Handlung eine vermeintlich historische Authentizität verleihen sollen. So wird aus Michael Kohlhaas` Mandaten zitiert (S.28, 29, 30, 33). Der Inhalt des Zettels, der sich in Wittenberg nach Brandlegung findet (S.30), sowie das Plakat von Luther (S.35) (für dieses Dokument gibt es sogar eine historische Vorlage, denn Luther schrieb dem wirklichen Hans Kohlhase tatsächlich einen Brief) und das Plakat des sächsischen Kurfürsten werden wörtlich zitiert (S. 43f.).

Außerdem erfahren wir etwas über den Inhalt von Kohlhaas` Brief an Nagelschmidt (S.56) und den Schriftverkehr zwischen dem Kurfürsten von Sachsen und dem Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nationen in Wien (S.72f.). Diese Dokumente sollen die Handlung historisch glaubwürdig erscheinen lassen. Hinzu kommt, dass der Erzähler sich den Anschein gibt, er habe die historischen Quellen selbst studiert, wenn er von „Chroniken, aus deren Vergleichung wir Bericht erstatten“, spricht (S.82). Das Personalpronomen „wir“ hebt die getroffene Aussage dann auch noch auf eine kollektive Ebene, verleiht ihr also eine Art Allgemeingültigkeit.

Der Schriftsteller versucht sogar, den Ausgleich zwischen den widersprüchlichen Quellen zu erreichen, wenn er anmerkt, dass niemand weiß, „[w]ohin er [der Kurfürst von Sachsen] eigentlich ging und ob er sich nach Dessau wandte, lassen wir dahingestellt sein, indem die Chroniken, aus denen wir Bericht erstatten, an dieser Stelle auf befremdende Weise einander widersprechen und aufheben“ (ebd.).

Die Unzuverlässigkeit des Erzählers

Kann das eben angeführte Zitat noch nicht als Beleg dafür betrachtet werden, dass wir es hier nicht mit einem historisch objektiven Erzähler zu tun haben, so wird dies spätestens dann deutlich, wenn er davon spricht, dass „die Wahrscheinlichkeit nicht immer auf Seiten der Wahrheit“ (S.79) sei und dass er „die Freiheit aber, daran zu zweifeln, demjenigen, dem es wohlgefällt, zugestehen“ (ebd.) müsse.

Die Argumentation um die Wahrscheinlichkeit wird gerade dann eingeführt, wenn der Kämmerer Kunz von Tronka zufällig die Zigeunerin anheuert, die dann Kohlhaas die Prophezeiung entwenden soll. Der Erzähler ist hier also überaus besorgt darum, mit aller Anstrengung das Unwahrscheinliche wahrscheinlich zu machen (nämlich die Tatsache, dass die Zigeunerin die Unheilsprophezeiung vornimmt und dann rein zufällig in Berlin zugegen ist, um sich zu Kohlhaas schicken zu lassen und diesen zu warnen), damit nicht an seiner Glaubwürdigkeit gezweifelt werden kann.

Auch in Bezug auf die vom Erzähler angeführten Dokumente sind Einschränkungen zu machen. So wird zwar der Brief des Kohlhaas an Nagelschmidt erwähnt, da dieser aber „in kaum leserlichen Deutsch abgefaßt[]“ (S.61) ist, kann ganz und gar keine Sicherheit darüber bestehen, was wirklich in diesem Schreiben steht. Ebenso erfährt der Leser zwar als wörtliches Zitat etwas über den Inhalt des Plakats des Kurfürsten von Sachsen, in dem Kohlhaas Amnestie versprochen wird. Allerdings gesteht der Erzähler selbst ein, dass es sich hierbei nur um die Wiedergabe „dem Hauptinhalt nach“ (S.43) handelt.

Des Weiteren soll Luther sich ein zweites Mal an Kohlhaas gewandt haben, nämlich mit einem „eigenhändigen, ohne Zweifel  sehr merkwürdigen Brief, der aber verloren gegangen ist“ (S.82). Wie haben festgestellt, dass in der Novelle ein auktorialer, also allwissender Erzähler vorhanden ist. Doch wie will der Erzähler einen Brief einschätzen („merkwürdig“), der ihm gar nicht vorliegen kann?

Darüber hinaus sind Informationen in den Text eingelassen, wie nicht mit einem sachlichen Chronikstil zu vereinbaren sind. So wie während der Abdecker-Szene beschrieben wird, wie eine sich „die Hosen in die Höhe zog“, „sich an den Wagen gestellt und sein Wasser abgeschlagen hatte“ und danach in eine „Kneipe“ geht und sich auch noch „mit einem bleiernen Kamm die Haare über die Stirn zurückkämmte“ (S.48f.) - all dies sind Informationen, die nichts mit einer objektiven Erzählweise im Sinne einer Chronik zu tun haben. Es können daher berechtigte Zweifel an der Verlässlichkeit des Erzählers ins Feld geführt werden. Auf diese Weise wer...

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