Rezension

Der Schriftsteller Heinrich von Kleist ist 31 Jahre alt, als er 1808 seine Novelle „Die Marquise von O…“ in der Literaturzeitschrift „Phöbus“, die er zusammen mit dem Philosophen Adam Müller herausgibt, veröffentlicht. Er hat sich mit einigen dramatischen Stücken in intellektuellen Kreisen einen Namen gemacht, und die Erwartungen an ihn sind hoch. Doch die Reaktionen auf die Novelle sind alles andere als positiv: Sie sei übermäßig lang, langweilig und zu obszön, heißt es. Die Novelle ist ein Skandal: Damals war es undenkbar, dass eine Frau sich mit einer Vergewaltigungsproblematik an die Öffentlichkeit richtete.

Heute ist das Thema immer noch aktuell, und „Die Marquise von O…“ ist häufig ein Bestandteil der Lektüre an deutschen Gymnasien. Die Novelle ist in den letzten Jahrzehnten mehrmals verfilmt worden, und erst vor zwei Jahren wurde sie vom Regisseur Frank Castorf, dem Leiter der Berliner Volksbühne, modern inszeniert.

Von übermäßiger Länge oder gar Langeweile kann keine Rede sein: 47 Seiten sind vollgepackt mit Liebe, Verzweiflung, Gesellschaftskritik und rätselhaften Ereignissen. Dass die Novelle einige Obszönität in sich birgt, ist nicht unwahr. Man wird konfrontiert mit einer ziemlich befremdlich wirkenden, inzestuösen Szene zwischen Vater und Tochter, die den Leser überraschen kann. Doch genau solche Elemente machen das Leseerlebnis spannend und einzigartig.

Die Novelle ist voll mit Merkwürdigkeiten, bei denen man sich fragen kann, welche psychologischen und moralischen Mechanismen am Werke sind. Die Protagonisten versuchen, eingesponnen in ein Netz gesellschaftlicher Normen und Regeln, einen Weg für sich, heraus aus ihren Qualen, zu finden. Zufriedenstellend ist dann das Happy End der Geschichte: Die Marquise von O... heiratet wieder, sie bekommt noch einige Kinder und wird wieder glücklich.

Die Novelle findet in einem politisch-historischen Rahmen (der Zweite Koalitionskrieg) statt und ist auch aus dem (literatur-) historischen Blickwinkel von Interesse. In Bezug auf literarische Strömungen stellt sich die Frage, welcher Epoche Heinrich von Kleists Werk zuzuordnen ist: Ist das nun Romantik oder doch noch Klassik? Die Antwort ist nicht eindeutig.

Die Novelle lässt sich eben nicht in eine Schublade stecken und enthält mehr, als der Leser auf den ersten Blick vermuten mag. Sie sollte als großartige, zeitlose und – bedauerlicherweise zu ihrer Zeit – missverstandene Kunst eines talentierten Schriftstellers, der leider zu Lebzeiten nicht den erhofften literarischen Ruhm erlangte, gelesen werden.