Rezension

Heinrich von Kleists 1807 erschienene Erzählung „Das Erdbeben in Chili“ (zunächst unter dem Titel „Jeronimo und Josephe“) erregte bereits zu seiner Zeit die Leserschaft. Kleists moderner Erzählstil brach mit der Tradition und irritierte die Leser und der schockierende Inhalt beschäftigte und faszinierte sie zugleich. Auch heute noch haben Kleists Sprache und Thematiken nichts von ihrer Wirkung verloren.

Die kurze Erzählung berichtet uns von dem Schicksal des Liebespaares Josephe und Jeronimo, die aufgrund ihrer verbotenen Liebe und ihres unehelichen Sohnes Philipp verurteilt werden. Josephe soll hingerichtet werden, Jeronimo will sich im Gefängnis das Leben nehmen. Doch beide werden wie durch ein Wunder durch das Erdbeben in St. Jago gerettet und können in ein Tal außerhalb der Stadt fliehen, in welchem unter den Überlebenden des Unglücks Hilfsbereitschaft praktiziert wird und Harmonie herrscht. Am Schluss kehren sie in die Stadt zurück, um Gott zu danken, aber sie werden vor der Kirche als angeblich Schuldige Sündenböcke an der Naturkatastrophe von einer wütenden Menschenmenge erschlagen.

Jedes Mal, wenn ich das „Erdbeben in Chili“ von Kleist lese, bin ich erneut von der Erzählung ergriffen und berührt. Jedes Mal versuche ich zu verstehen, warum die Figuren handeln, wie sie handeln, jedes Mal wünsche ich mir, dass sie andere Entscheidungen treffen mögen, und doch muss ich jedes Mal die Willkür des Zufalls akzeptieren. Dass mich diese Erzählung so bewegt, zeigt, dass sie urmenschliche Probleme und Ängste behandelt, die wir alle empfinden.

Es geht um die Frage nach dem Sinn der Ereignisse im Leben, um die Frage nach einem Gott, der einen Plan für uns hat, und um die Angst davor, dem Zufall m...

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